Jörg Hube in den 60er-Jahren, als er am Salzburger Mozarteum sein Schauspiel-Studium abschloss.

„Ich spiel’ alle meine Ichs“

München - Zwei Würdigungen gibt es für Jörg Hube: Monacensia zeigt „Mein Kopf ist eine Bombe“, und eine Biografie zeichnet sein Leben nach.

„Jörg Hubes Mutter hat wirklich alles aufgehoben, und in Hubes Wohnung sind einem die Wände entgegengewachsen“, erzählt die Regisseurin Eva Demmelhuber. Sie hat jetzt das Buch „Jörg Hube – Herzkasperls Biograffl. Ein Künstlerleben“ bei LangenMüller herausgegeben und zugleich die Ausstellung „Mein Kopf ist eine Bombe“ über Hube in der Münchner Monacensia kuratiert. Und immer konnte sie aus der Fülle des Materials schöpfen, ob das nun die Kinderbriefe des lieben Buben Jörg waren oder amtliche Schreiben über den bösen Buben Jörg.

In dem reich bebilderten Band, der außerdem Eindrücke von Gerhard Polt bis Anette Spola, von Urs Widmer bis Georg Ringsgwandl enthält, kommt das Sein und das Schaffen von Hube naturgemäß viel breiter und facettenreicher zur Geltung; vor allem auch durch die zahlreichen Hube-Originaltexte. Denn der Künstler, der am 22. November 1943 im brandenburgischen Neuruppin geboren wurde – die Schauspieler-Eltern hatte es dahin verschlagen – und am 19. Juni 2009 in München starb, war nicht nur ein erfolgreicher Theater- und Fernsehschauspieler, er war auch ein absolut exzeptioneller Kabarettist, Regisseur, Autor und engagierter Schauspiellehrer (Chef der Falckenberg-Schule 1991 bis 1993). Zum Glück hatte der oft sehr schwierige Mann seine feste Heimat in Dieter Dorns Ensemble gefunden, und damit hatten wir in München die Freude, Hube in all seinen Schattierungen erleben zu dürfen.

Deswegen hat Demmelhuber in der Schau erst einmal eine Hube’sche Ahnengalerie seiner Rollen von der „Löwengrube“ (Fernsehen, Regie: Willy Purucker) über den „Bauern als Millionär“ (Residenztheater, Regie: Franz Xaver Kroetz) bis zu „Herzkasperls Her- und Hinrichtung“ (Kabarett) aufgeboten. Und damit der Besucher das nicht zu leichthin aufnimmt, setzen Zerrspiegel und Texte Widerhaken: „Ich spiel’ alle meine Ichs,/ weil ich kein eigenes hab,/ und grabe doch mit allen Ichs/ mein Ich nicht aus dem Grab!“ Die Ausstellung macht schnell deutlich, dass sie nicht die Vita von Jörg Hube nachzeichnet, sondern seine Beweggründe, die Basis seiner Kunst aufzeigen will. Und da stehen Schmerz, Verzweiflung, Kampf und Wut im Zentrum. Natürlich war Hube für jede Gaudi zu haben, aber Humor und Witz waren Überlebensmittel in der von ihm gnadenlos klar analysierten Welt aus Zwängen und Anpassungen. Neben dem Kasperl/Hanswurst/Harlekin war ein anderer langjähriger Satire-Begleiter der Universitätsdozent Professor Doktor Waldemar Strupp von und zu Biselleiten, Edler von Tapper und Großhesselohe, Schnüffler auf Abort und Freiwill, den nur seine Freunde schlicht Bisi nennen dürfen. Der schlummert nun friedlich in einer Vitrine und gibt keine frechen Interviews.

Der Schmerz beginnt für Jörg als Kind einer zunächst alleinerziehenden Mutter. Es muss oft von ihr getrennt leben. Der biologische Vater war wohl schon vor der Geburt verschwunden. 1947 heiratet sie Eberhard Feise. Er adoptiert Jörg. Das Erschütterndste an Buch und Präsentation sind die schriftlichen Hilfeschreie des Buben, der immer wieder in diversen Heimen und Schulen aneckte, an „Mutti“. Das mündet in ein künstlerisch ergiebiges Aufbegehren und eine stete Selbstbefragung, ja Selbst-Zerlegung – wie es der Doppelkopf aus „Herzkasperls Her- und Hinrichtung“ veranschaulicht. – Gut, dass Frau und Tochter Hubes, Elisabeth und Johanna Fanderl, seinen Nachlass der Monacensia übergeben haben!

Simone Dattenberger

Bis 8. Juni,

Telefon 089/ 41 94 72 15.

Buch von Eva Demmelhuber (Hrg.): „Jörg Hube“. Verlag LangenMüller, München, 352 Seiten; 22,99 Euro.

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