"Ich bin die Stammesälteste"

Joan Baez im Interview: - Ihrem Münchner Publikum hat Joan Baez vor ein paar Jahren gehörig den Marsch geblasen. Es ging natürlich um Gerechtigkeit. Für die tritt die Protestsängerin seit jeher ein. Am 28. Juni singt sie auf dem "Tollwood"-Festival.

Vor ein paar Jahren sind Sie sehr böse auf Ihr Münchner Publikum geworden. Es hatte den jungen Liedermacher, der vor Ihnen gespielt hat, von der Bühne gebuht.

Daran kann ich mich sehr gut erinnern. Erstens hat man den Leuten nicht gesagt, dass es ein Vorprogramm gibt. Das fanden sie frustrierend. Zweitens: Wegen des Vorprogramms schafften sie es nicht zu ihrer S-Bahn nach Hause, auch das fanden sie frustrierend. Und drittens: Sie waren einfach saumäßig unhöflich.

Sie sind ziemlich wütend gewesen, und das haben Sie auch gesagt.

Ja, aber zuerst habe ich mich entschuldigt für die ersten beiden Dinge. Und dann habe ich gesagt, dass dieses Benehmen nicht akzeptabel ist. Unser Schlagzeuger, der eh schon eine paranoider Typ - und Jude - ist, fühlte sich, als sei er plötzlich von Nazis umringt. Er war in Panik. Denn es war hässlich. Und der junge Liedermacher war in Tränen aufgelöst.

Sie treten offenbar bei jeder Gelegenheit für Gerechtigkeit ein.

Sicher. Aber Gerechtigkeit für beide Seiten.

Sie sind eine politische Liedermacherin, haben das Genre praktisch miterfunden. Haben Sie sich nicht irgendwann einmal desillusioniert gefühlt?

Ich habe mir nie Illusionen gemacht. Ich konnte schon wütend sein oder verletzt oder depressiv, in Panik - alles. Aber ich war nie desillusioniert. Denn die menschliche Rasse hat nun mal die Angewohnheit, sich schlecht aufzuführen. Wenn man das weiß, wird jeder kleine Sieg, den man erringt, sehr wichtig.

Was waren Ihre kleinen Siege?

Ich will ein Beispiel nennen, das eigentlich eine Niederlage war für ein Projekt, aber ein Sieg für diejenigen, die daran beteiligt waren. 1972 forderten Coretta King, die Witwe von Martin Luther King, und ich die Frauen in unserem Land dazu auf, für die Frauen und Kinder in Vietnam einzutreten. Als symbolische Geste sollten sie einen Kreis um das Kapitol in Washington herum machen. Die Regierung fühlte sich so bedroht, sodass es einen Feldzug gegen das Projekt gab. Überall ließ man mich abblitzen, Zeitungen schrieben nichts mehr über uns, Fernsehsender luden mich aus. Das war eine schreckliche Enttäuschung. Statt einer halben Million Menschen kamen nur dreieinhalbtausend. Und wir haben‘s dennoch geschafft, den Kreis um den Kongress zu bilden - mit weit ausgestrecken Armen (lacht). Also war das doch ein kleiner Sieg. Und vielleicht umso wertvoller.

Hat sich die Art verändert, wie Kritik in Ihrem Land geäußert wird?

Ganz enorm. Wegen der Atmosphäre, die mit der Bush-Regierung Einzug gehalten hat. Ich hätte nie geglaubt, dass so was geschehen kann. Wenn mich heute Leute fragen "Warum hat niemand Hitler gestoppt?" sage ich: "Du kannst so was nicht stoppen." Solche Typen sind zu gut geschützt und sie haben die Unterstützung der Bevölkerung. Das Problem ist, dass es genügend Soziopathen in Bushs Umfeld gibt, die ihn bestärken. Nachdem er aufgehört hatte zu trinken, nahm er Gott als Rechtfertigung. Und es ist sehr gefährlich, wenn du denkst, dass du deine Anweisungen von Gott bekommst.

Versuchen Sie heute immer noch die gleichen Dinge zu erreichen, die Sie vor Jahrzehnten erreichen wollten?

Meine Grundüberzeugung bleibt dieselbe. Der Glaube an Gewaltlosigkeit als Lösungsweg für politische, soziale und persönliche Probleme. Ich bin im Moment nicht an vorderster Front. In gewisser Hinsicht ist das nicht mehr mein Platz.

Warum nicht?

Weil irgendwann eine junge Generation übernehmen muss. Ich glaube, dass ich in der Position einer - so würden es die amerikanischen Ureinwohner sagen - Stammesältesten bin. Ich schalte mich auch heute noch ein, aber seltener. Einfach weil ich Familie habe. Mein Vater ist gerade gestorben, meine Mutter ist 94 Jahre alt, mein Enkel ist dreieinhalb. In den 60ern und 70ern ließ ich meinen Sohn zu Hause zurück, um nach Hanoi zu gehen. Ich will das nicht wieder tun. Ich will genügend Zeit mit meinem Enkel verbracht haben.

Verstehen Sie sich mit Ihrem Sohn oder trägt er Ihnen noch nach, dass Sie ihn vernachlässigt haben?

Wir haben eine wundervolle Beziehung. Ich habe verstanden, warum er sich als Teenager verlassen gefühlt hat. Ich habe die richtige Therapie gemacht hätte, um mir mein Verhalten klarzumachen.

Wollen Sie von der Therapie erzählen?

Nun - nicht in jedem Detail. Aber ich habe mich mein ganzes Leben lang unwohl gefühlt. Und ich war bereits über ein halbes Jahrhundert alt, als ich dachte: Ich will nicht mit diesen Ängsten leben. Der einzige Weg, das zu schaffen, ist, sich seinen Dämonen zu stellen.

Dabei sind Sie auf der Bühne so selbstbewusst.

Ich weiß. Das ist eins der Probleme (lacht). Das merkt keiner, denn auf der Bühne fühle ich mich wohl. Heute. Früher war ich in Panik. Nach und nach hat das Lampenfieber nachgelassen. Heute fühle ich mich wie verwandelt.

Sie sind 2007 mit dem Grammy für Ihr Lebenswerk ausgezeichnet worden. Macht Sie das stolz?

Ich bin nicht verrückt danach, Preise zu bekommen. Denn das definiert mein Leben nicht. Aber es freut mich natürlich. Es hat wohl eine Regierung wie diese gebraucht, dass man sich wieder an mich erinnert.

Das Gespräch führte Johannes Löhr.

 > Zum großen Tollwood-Special auf Munich online

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