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Fehlen nur noch die Zuschauer: In wenigen Tagen, am 6. Oktober, eröffnet Martin Ku(s)ej seine erste Spielzeit als Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels, das bei ihm nur noch „Residenztheater“ heißt. Zum Auftakt inszeniert er Arthur Schnitzlers „Das weite Land“.

„Ich stehe für ein irritierendes Theater“

München - Martin Kusej spricht im Merkur-Interview über seine Intendanz am Münchner Residenztheater, Tradition, Gefühle und Publikums-Erwartungen.

Das Münchner Residenztheater ähnelt in diesen Tagen einem Bienenstock: An der Pforte ein Kommen und Gehen der Schauspieler, Techniker, Handwerker und anderer Mitarbeiter des Hauses. Im Hof harren halbfertige Kulissenteile ihrer Vollendung, und manches Büro versprüht noch den Charme des Übergangs. Am Donnerstag beginnt mit seiner Inszenierung von Arthur Schnitzlers „Das weite Land“ die Intendanz von Martin Ku(s)ej am Bayerischen Staatsschauspiel. Verglichen mit dem Gewusel um ihn herum wirkt der 50-jährige Kärntner beim Gespräch gelassen und aufgeräumt. Doch der Eindruck täuscht, wie der neue Hausherr später verraten wird.

Sie sind sicher froh, dass Ihre erste Spielzeit als Intendant des Residenztheaters endlich losgeht...

Ja, allerdings sind das momentan eher verschiedene Wellen, durch die ich muss. (Lacht) Die Phase, in der ich froh war, dass es losgeht, war Anfang September. Gerade bin ich so überdreht, dass ich gar nicht mehr rational beurteilen kann, wie es mir geht, wie mein Gemütszustand ist. Ich mach’ einfach. Es steht jetzt die letzte Wand vor mir – und dann geht es wieder bergab oder so. (Lacht.)

Was ist diese Wand?

Die letzte Steilwand vor dem Gipfel. Und der ist für uns das erste Premierenwochenende. Das ist wirklich ein gewaltiger Gipfel, denn wir haben vier Premieren in Folge (zwischen 6. und 9. Oktober; Anm. d. Red.). Außerdem probe ich selbst gerade Schnitzlers „Das weite Land“ – muss aber auch anfangen, mich um die anderen Produktionen zu kümmern, will die ja sehen, mich mit Regisseuren und Schauspielern austauschen. Wie ich das alles unter einen Hut kriege, weiß ich nicht. Das Gefühl ist jedenfalls: Ich bin schon auf 4000 Meter, hab aber die Eiger-Nordwand trotzdem noch vor mir.

Ihr Start als Intendant hier am Haus ist vielleicht das Spannendste, was derzeit an deutschsprachigen Theatern passiert. Wie groß ist der Druck?

Ohne Koketterie muss ich sagen, dass ich das mit dem Spannendsten gar nicht so empfinde. Auch da bin ich ganz auf dem pragmatischen Standpunkt: Wir machen einfach. Sobald ich mich anders damit beschäftigen würde, würde ich echt Druck kriegen. Ich habe Druck. Das hat aber mehr damit zu tun, dass alles fertig werden und auf einem gewissen Qualitäts-Niveau stattfinden soll. Ich schaue aber überhaupt nicht, was außerhalb passiert. Ich mache meine Arbeit – und werde das auch künftig so handhaben. Ich bin verpflichtet meinem Haus gegenüber, ich bin dem Ensemble verpflichtet, dass wir das Theater, wie wir es uns vorstellen, in München etablieren. All das beschäftigt mich hauptsächlich. Wie das aber in der Kulturlandschaft – vielleicht sogar über Bayern hinaus – wahrgenommen wird, ist mir momentan relativ unwichtig. Ich kann eh nur machen...

Ihr Vorgänger Dieter Dorn hat das Haus geprägt als Theaterort, an dem der Text im Mittelpunkt steht. Was bedeutet Ihnen diese Tradition?

„Tradition“ ist ein Begriff, der für mich keinen wirklich guten Leumund hat. Wenn, dann würde Tradition bedeuten, dass man die glühenden Kohlen weiterträgt – und nicht die kalte Asche. Den Bildungsauftrag, den ein Theater ja auch hat – besonders so ein großes Staatsinstitut –, den nehme ich ernst. Das ist mir wichtig.

Werden die Menschen, die das Residenztheater unter Dieter Dorn kannten, künftig erschrecken, wenn sie eine Vorstellung besuchen?

Ein Publikum, das erschrocken ist, ist ein nicht wirklich interessantes Publikum. Erschrecken heißt ja, man hat Angst und kommt eventuell nicht mehr. Erschrecken will ich niemanden, das wäre kontraproduktiv. Dass man es dem Publikum aber von Haus aus nett und angenehm macht, darf man von mir auch nicht erwarten. Das wäre das falsche Signal.

Was dürfen die Zuschauer von Ihrer Intendanz erwarten?

Ich hatte ja das Glück, dass ich mich in München bereits mit einigen Arbeiten vorstellen durfte, die ich als Messlatte festlegen will (etwa 2007 „Woyzeck“ am Residenztheater oder 2010 „Rusalka“ an der Staatsoper; Anm. d. Red.). Als Intendant stehe ich für ein aufregendes, irritierendes Theater, das sich nicht scheut, Dinge beim Namen zu nennen, das sich nicht scheut, Texte zu interpretieren und modern zu analysieren. Ein Theater, das großen Respekt vor den Autoren und den Stücken hat – nichtsdestotrotz ist es ein Theater, das ein großes Potenzial an Irritationen und Herausforderungen in sich tragen wird. Das gilt auch für meine Kollegen: Ich will Ermöglicher für Theater-Handschriften sein, die man zum Teil in München noch nicht oder schon lange nicht mehr gesehen hat. Darauf freue ich mich, denn da muss ich den Kopf hinhalten, obwohl ich es nicht inszeniert habe. (Lacht.)

In Ihrem ersten Spielplan findet man – für die heutige Zeit – erstaunlich viel dramatische Literatur und dankenswert wenig Roman- und Filmadaptionen...

Hängt Ihnen das auch schon langsam zum Hals raus? Das ist genau der Grund dafür, dass wir dramatische Texte spielen. Ich verstehe es als Herausforderung, sich Theaterstücken zu stellen.

Ist das altmodisch?

Ich habe fast 15 Jahre gebraucht, um aus meinem politischen System, das eine klare anti-faschistische und progressive Gesinnung beinhaltet, herauszukommen und zu lernen, dass nicht alles so schwarz-weiß ist, wie man sich das mal gedacht hat. Das betrifft auch Begriffe wie „Tradition“ oder „altmodisch“. Solange man das nicht aus einem Gag heraus macht, ist es völlig in Ordnung, dass man auch mal altmodisch ist. In den Stücken stecken ja moderne Sachen, und die Regisseure, die daran arbeiten, sind junge Leute, die sicher nicht mit einem traditionalistischen Blick drangehen. Ich finde es super, dass die sich diesen Texten aussetzen und darin etwas entdecken, um über unsere Zeit und unsere Gesellschaft zu erzählen. Schlimm finde ich, wenn man im Theater Gefühlen nicht mehr traut. Das ist Resultat einer jahrzehntelangen Fernseh-Verblödung: Viele Theaterschaffende vertrauen dem reinen Gefühl, dem reinen Pathos überhaupt nicht mehr und verwenden stattdessen stellvertretend ein Bild aus dem Fernsehen oder aus der Popkultur. Das ist schade. Ich finde es wichtig, dass sich das Theater Gefühlen aussetzt.

Stichwort Gefühle: Sie eröffnen Ihre Intendanz mit Ihrer Inszenierung von Schnitzlers „Das weite Land“: Zerreißt es Sie gerade nicht manchmal?

Ja! Voll. (Lacht.) Bis zu einem gewissen Grad sind die Proben meine Erholung am Tag – wenn die Proben aber in die Endphase kommen, ist es gerade umgekehrt. Auch ohne Intendanz bin ich in den letzten Probenwochen im Ausnahmezustand – und jetzt muss ich dazu noch so einen Riesen-Laden leiten. Das ist echt der Hammer.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

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