Tänzerin und Choreographin Meg Stuart gastiert mit ihrem Stück „Maybe Forever“ (Vielleicht Für Immer) im Münchner Schauspielhaus. Foto: Eva Würdinger

„Ich streife das Chaos“

München - Die Choreographin Meg Stuart gibt ihren Einstand an den Münchner Kammerspielen.

Radikale Öffnung zu anderen Kunstformen ist offensichtlich die Leitidee des neuen Münchner Kammerspiele-Intendanten Johan Simons. Und da trifft er in Meg Stuart eine geistige Verwandte. Mit der amerikanischen Choreographin und Tänzerin, für die Freiheit in der Form wie im Denken der Ur-Impuls ihres Schaffens ist, hat das Haus eine längere Zusammenarbeit geplant. Sie wird bereits in der kommenden Saison hier inszenieren. Auftakt ist das Gastspiel ihrer Company Damaged Goods & Mumbling Fish mit der Produktion von 2007 „Maybe Forever“ (Vielleicht Für Immer).

Meg Stuart beginnt da, wo Pina Bausch aufhört. Bauschs Tanztheater war ein Gegenentwurf zu einem Kunst-um-der-Kunst-willen-Ballett und Ausdruck ihrer kritischen Haltung gegenüber veralteten patriarchalischen, verklemmten Beziehungen. Die Welt war bei ihr angekränkelt, aber nicht kaputt. Bei der eine Generation jüngeren Meg Stuart gehen alle bis dahin gültigen Formen und existenziellen Werte zu Bruch. Ihre Company nennt sie programmatisch „Schadware“. In ihren beiden ersten abendfüllenden Stücken „Disfigure Study“ und „No longer ready made“ von 1991 und 1993, die auch hierorts zu sehen waren, ist es zunächst der Körper, der zerfällt. Man erinnert die junge knabenhafte Stuart, wie sie in einer laborartigen Recherche ihre Bewegungen in Teile aufbricht, ihre eigene Anatomie dadurch „disfiguriert“. Mit dem nomadischen Projekt „Crash Landing“ zerfällt dann auch - mit allen unvorhersehbaren Bruchlandungen - die herkömmliche Raum- und Zeitdramaturgie: Denn die Performance findet zwischen 1997 und 1999 in Wien, Paris, Lissabon und Moskau statt, obendrein mit anderen Tänzern, Schauspielern, Bühnen-, Lichtdesignern, Musikern und auch Choreographen.

Ähnlich das Projekt „Highway 101“, das ab 2000 in Brüssel, Wien, Paris, Rotterdam und Zürich aufgeführt wurde. In der von uns gesehenen Wiener Performance verliefen sich, „versickerten“ tänzerische Bewegung und mitwandernde Zuschauer-Bewegung in den weiten Öden der Lagerhallen. Aber Risiko gehört zu Stuarts Programm: „Ich streife lieber das Chaos und verunsichere das Publikum“, ist das widerspenstige Schaffens-Motto der 45-Jährigen. Sicherlich ist sie geprägt, inspiriert vom Künstlermilieu ihrer Familie: Großvater Vaudeville-Sänger, beide Eltern Theater-Regisseure, der Bruder Schauspieler. Aber sie sucht früh einen eigenen Weg: „Ich wollte mich nicht über Sprache, übers Schauspiel mitteilen, sondern meinen ganz persönlichen Ausdruck finden. Ich wollte ich selbst sein“, erzählt sie und wie sie mit einem Skizzenbuch für Bewegungen schon in der Highschool kleine Choreographien entworfen hat.

Und dann wird sie, noch Tänzerin in der New Yorker Randy Warshaw Company, von Talente-Scouts des belgischen Klapstuk-Festivals, Löwen, entdeckt: „Für mich war das überraschend. Ich hatte ja erst sehr wenig choreographiert.“ Ihr erstes Stück „Disfigure Study“ 1991 für Klapstuk ist gleich der Start ihrer internationalen Karriere. Weiterhin gefördert von diesem Festival, kann sie ihren Stil entwickeln. Es geht ihr bald nicht mehr nur um Tanz, „der sich durch Zeit und Raum bewegt, sondern um physisch-emotionale Zustände, um die Dynamik menschlicher Beziehungen“. Formal sucht sie dennoch weiterhin eine Herausforderung, indem sie eng mit bildenden Künstlern und Musikern zusammenarbeitet. „Ich knüpfe im Grunde an die Tradition US-postmoderner Tanzschöpfer wie Merce Cunningham und Trisha Brown an, deren Stücke ja auch mit John Cage, mit Robert Rauschenberg, Donald Judd und anderen Künstlern entstanden. ,Maybe Forever‘ ist eine solche Zusammenarbeit mit dem österreichischen Choreographen Philipp Gehmacher und dem Brüsseler Sänger und Songwriter Niko Hafkenscheid.“ Gehmacher und Stuart sind ihre eigenen Interpreten: „Es ist ein Stück über die Begegnung von zwei Menschen, in welche sich die Schatten vergangener Beziehungen hineindrängen, aber doch auch die Wünsche für eine Zukunft.“

Vorstellungen

27./ 28. 10., Tel. 233 966 00.

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