"Ich bin das Volk"

- Das war nun wahrlich keine originale Premiere: Die Salzburger Festspiele hatten das Schauspielhaus Zürich eingeladen - mit einer Aufführung, die bereits vor zweieinhalb Jahren das Licht der Theaterwelt erblickt hat. Aber bei der derzeitigen orientierungslosen Schauspielpolitik der Festspiele ist das auch schon wieder egal. "Macht nichts", ließe sich - Salzburg damit abhakend - sagen, wenn nicht allgemein Sorge um den zunehmenden Zerfall des Sprechtheaters der Festspiele bestünde.

<P>"Macht nichts" - das ist auch der Titel jenes zweitägigen Gastspiels auf der Perner Insel in Hallein: Elfriede Jelineks Elegie auf drei Untote. Inszeniert hatte das Jossi Wieler, womit von vornherein eine gewisse Qualität und Stimmung garantiert waren. Österreichs Schock-Autorin und Oberbestatterin hat auch hier wieder sich selbst sowie die Biografien und Werke anderer geplündert, hat aus ihnen zwei große Monologe herauskristallisiert und sie mit einem kleinen Dialog verbunden. Ein Triptychon über Tote, die noch immer das alte Lied singen. Ein großes Altarbild, auf dem Täter und Opfer, in ihrem Wahn zur Schau gestellt werden. Die drei Teile sind jeweils Titeln à` la Schubert überschrieben: "Die Erlkönigin", "Der Tod und das Mädchen", "Der Wanderer".</P><P>In eine Art Beton-Neubau hat Wieler Jelineks lebende Leichname gesteckt; von außen schauen wir in ihre gute 50er-Jahre-KleinbürgerStube mit langsam vergilbendem Landschaftsgemälde. Aber unter der grabesstillen Behaglichkeit dräut dampfend die Hölle, lauert als grüner Jäger (Ludwig Boettger) der Tod, der Schneewittchen (Sylvana Krappatsch) lustmordet und den in einem gewaltigen Irrenhaus-Monolog philosophierenden Wanderer - eine Allegorie auf Jelineks Vater (hervorragend André´ Jung) - gnadentötet.</P><P>Nur die Erlkönigin ist nicht so leicht umzubringen. Eine Stehauffrau noch im Sarg. Genauer gesagt: noch in der Kutsche, in der sie traditionsgemäß als verstorbene Burgschauspielerin dreimal ums Burgtheater chauffiert wurde. Aber Paula Wessely, diese Ikone des österreichischen Theaters, der die Jelinek hier ein höchst ambivalentes Denkmal gesetzt hat, ist unsterblich. Und so zelebriert Graham F. Valentine im feinen Alte-Dame-Kostüm hinreißend und distinguiert komisch jene Diva, deren Motto "Macht durch Bescheidenheit" und "Ich bin das Volk" hieß: "So wurde ich groß, indem ich mich klein gemacht und damit allen anderen vorgesetzt habe."</P><P>Wie hart, wie rigoros auch einerseits dieser Text mit der Wessely umgeht, so witzig und gültig ist er in vielem, was Jelinek dieser Figur über Profession und Talent in den Mund legt. Irgendwie, wenn auch eher zufällig, also doch passend zu den Salzburger Festspielen. Denn von der Dichterin und ihrem Regisseur könnten die jungdeutschen Spielmacher in Salzburg noch so manches lernen.</P>

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