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Vom Handy-Verkäufer zum Star: Noch vor zwei Jahren kannte niemand Paul Potts. Jetzt begeistert er die Massen und ist Gast in TV-Sendungen wie „Verstehen Sie Spaß?“.

„Ich wäre gern selbstsicherer“

München - Der Ex-Mobiltelefon-Verkäufer Paul Potts über seine Sanges-Karriere, seine Deutsch-Kenntnisse und seine Magisterarbeit.

Der ehemalige Handy-Verkäufer Paul Potts gewann 2007 völlig überraschend mit der Arie „Nessun Dorma“ bei der Fernsehsendung „Britain’s got Talent“, der britischen Version von „Das Supertalent“. Seitdem darf der 38-Jährige als Star gelten. Sein erstes Album „One Chance“ wurde allein in Deutschland über eine Million Mal verkauft. Am 19. und 20. September gastiert Potts nun erstmals in München (Philharmonie).

Sie haben zwei unglaubliche Jahre hinter sich. Passiert es, dass Sie morgens aufwachen und nicht sicher sind, ob nicht alles ein Traum ist?

Oft. Eigentlich die ganze Zeit. Deswegen bin ich gerne auf Tour. Wenn man auf der Bühne steht, weiß man, dass es wahr ist.

Sie haben im Mai Ihr zweites Album „Passione“ veröffentlicht. Wie groß war Ihr Einfluss darauf?

Es war besser als beim ersten Album, das unmittelbar nach der Sendung „Britain’s got Talent“ aufgenommen wurde. Damals hatten wir nur eine Woche Zeit, da gab es nicht viel Gelegenheit, an den Arrangements und am Gesang zu arbeiten.

Sie haben auch eine Arie auf Deutsch aufgenommen: „Dein ist mein ganzes Herz“ von Franz Lehár. Wie sind Sie darauf gekommen?

Das ist eine der schönsten Melodien, die ich kenne. Außerdem hatte ich in Deutschland wirklich unglaublich viel Erfolg, es sollte eine Art Geste der Dankbarkeit für das deutsche Publikum sein.

War es schwierig, den Text zu lernen?

Ich hatte in der Schule fünf Jahre lang Deutsch, also war es kein komplettes Neuland für mich. Und als ich letztes Jahr in Deutschland unterwegs war, habe ich bemerkt, dass ziemlich viel hängen geblieben ist. Einmal musste ich wegen eines technischen Problems sogar ein Interview im Fernsehen auf Deutsch geben – und ich habe mich mit meinem Schuldeutsch durchgekämpft. Es war also nicht ganz so schwierig.

Bei Auftritten wirken Sie immer noch sehr zurückhaltend und normal. Ist das harte Arbeit, oder sind Sie einfach so?

Meine Frau würde heftig widersprechen, wenn Sie mich „normal“ nennen, aber das ist ein anderes Thema. Ich weiß nicht, es ist wichtig, sich treu zu bleiben. Beruflich und privat. Mein Leben hat sich verändert, klar. Aber ich bin so, wie ich eben bin. Manchmal zu meinem Leidwesen, ich wäre gerne etwas selbstsicherer bei bestimmten Gelegenheiten. Aber es hat keinen Sinn, jemand anderer sein zu wollen.

Sie haben Philosophie studiert. Ihre Magisterarbeit hatte das Thema „Das Böse und das Leiden in der Welt“. Hilft das, wenn man in der Musikindustrie arbeitet, wo es ja nicht nur nette Menschen gibt?

Ich weiß nicht. Ich habe schon als Kind immer alles hinterfragt. Auch mich selbst, daher meine Unsicherheit. Mag sein, dass das hilft, nicht in jede Falle zu tappen. Im Studium lernte ich vor allem, immer weiter zu lernen. Wer das nicht tut, lebt nicht mehr.

Bedeutet das für Sie, dass Sie weiter Gesangsunterricht nehmen?

Ständig. Meine Gesangslehrerin begleitet mich sogar auf Tourneen. Wenn sie keine Zeit hat, schicke ich ihr die Aufnahmen des Abends und lasse sie den Aufritt analysieren. Ich bin da recht ehrgeizig.

Heißt das, Sie singen irgendwann nicht mehr nur Liederabende, sondern ganze Opern?

Na ja, „nur Liederabende“ klingt so abwertend. Es ist nicht leicht, einen ganzen Abend mit Arien zu bestreiten. Aber es ist wahr, Oper würde mich reizen. Ich setze mich da aber nicht unter Druck. Was kommt, das kommt.

Wenn Sie an Ihr früheres Leben denken: Gibt es etwas, das Sie vermissen?

Ich habe damals nicht bei dieser Casting-Show mitgemacht, weil ich meinem alten Leben entkommen wollte. Es war gut, wie es war. Natürlich gefällt es mir jetzt besser, weil ich das tun kann, was ich am meisten liebe: singen. Was mir fehlt, sind alltägliche Dinge des Lebens, auch meine Freunde, meine Familie. Aber ich halte den Kontakt, so gut es eben geht. Diese Menschen bedeuten mir sehr viel.

Hat Ihr Erfolg der klassischen Musik im Allgemeinen ein neues Publikum erschlossen?

Es wäre schön, wenn es so wäre. Jeder Einzelne, der sich nach „Nessun Dorma“ für die Oper „Turandot“ interessiert, ist ein Gewinn. Das generelle Problem ist eine Art gegenseitiger Snobismus. Für die Pop-Kultur ist klassische Musik etwas, das irgendjemand anderes hört, also nicht wichtig. Und bei Klassik-Fans gibt es manchmal die Haltung, es wäre anrüchig, wenn ganz gewöhnliche Menschen Spaß an klassischer Musik haben – auch wenn sie nicht mit dem gesamten Werk des Komponisten vertraut sind und nie in der Oper waren.

Sie sind in einem Haushalt aufgewachsen, in dem nie Klassik gehört wurde. Wie haben Sie Ihre Liebe dafür entdeckt?

Über Umwege. Es begann eigentlich mit dem Film „E.T.“, den ich als Kind gesehen habe. Mir fiel die Musik von John Williams auf, die Klangfarbe, das Orchester. Und so fing ich an, Platten zu hören, die ähnlich waren, also Klassik. Und als ich eine CD mit José Carreras in die Hände bekam, entdeckte ich die Oper und war begeistert.

Ganz ehrlich: Kommt es vor, dass Sie an manchen Abenden keine Lust mehr haben, „Nessun Dorma“ zu singen?

Nie. Ich habe es in den letzten zwei Jahren ungefähr 500 Mal gesungen, und es war jedes Mal ein klein wenig anders. Ich werde nie genug von „Nessun Dorma“ bekommen.

Wirklich?

Wirklich.

Das Gespräch führte Zoran Gojic.

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