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Montserrat Caballé

„Ich weiß nicht, was eine Diva sein soll“

München - Sopran-Legende Montserrat Caballé über ihr Leben für die Musik, Opernfunktionäre und lustige Münchner.

Dienstälteste Sängerin, das klingt ein wenig uncharmant. Aber wer sollte derzeit auf eine ähnlich lange Karriere wie Montserrat Caballé zurückblicken können? Heuer feiert sie ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum in Deutschland – und ein Abschied ist nicht in Sicht. Standesgemäß wird, wie es sich für eine aktive Künstlerin gehört, zum halben Jahrhundert im Scheinwerferlicht eine Tournee veranstaltet, die die Spanierin am 22. April in die Münchner Philharmonie führt. Begleitet wird die 76-Jährige dabei vom Pianisten Manuel Burgueras.

Wundern Sie sich manchmal über Ihren jahrzehntelangen Erfolg?

Ja, natürlich. Aber ich bin doch nicht die Einzige mit so einer langen Karriere!

Könnte heutzutage so etwas auch anderen Kollegen gelingen?

Keine Ahnung, was heute alles passiert. Die Sänger möchten vielleicht ein anderes Leben führen als zu meiner Zeit. Ich habe mir immer gesagt: Du kannst eine tolle Karriere haben, du darfst aber nicht vergessen, dass du auch lebst. Viele vergessen, dass Singen eine wunderbare, aber eben auch schwere Arbeit ist, bei der man die Familie leicht aus den Augen verlieren kann.

Sie sagten einmal: „Ich brauche das Singen zum Leben.“ Vergeht kein Tag ohne Singen bei Ihnen?

Das hängt immer ab davon, in welcher Lebenssituation man sich gerade befindet. Ich habe eines meiner beiden Kinder verloren. Da hilft einem die Familie, aber eben auch die Musik. Allerdings kann Musik auch ein Gift sein. Dass einen das Publikum bejubelt und liebt, muss man richtig einordnen können. Ich hatte immer Glück. Meine Eltern liebten die Musik, mein Mann war Sänger, meine Tochter singt. Mein Bruder ist mein Agent. Der Beruf war daher nie belastend, weil alle in und für die Musik leben.

Wenn von Ihnen gesprochen wird, heißt es immer, Sie seien eine Diva. Wie sehen Sie sich selbst?

Um Gottes willen, ich würde mich nie so bezeichnen. Ich weiß gar nicht, was eine Diva sein soll.

Sie werden für Ihren Gesang geliebt, aber auch für Ihr herzliches Lachen. Kaum vorstellbar, dass Sie richtig böse werden können...

Oh doch! Aber jede Reaktion muss korrekt und angemessen sein.

Sie trauern der Elektra von Richard Strauss nach, die Sie nie gesungen haben. Warum gerade dieser so zerrissenen Frau?

Eine fantastische Rolle. Ich verdanke der Musik von Strauss so viel. Als die Rolle mir zuerst angeboten wurde, war ich zu jung. Und als ich sie später in Griechenland singen sollte, musste die Produktion aus verschiedenen Gründen abgesagt werden. Dann hat sich nichts mehr ergeben – und jetzt ist wirklich nicht mehr die Zeit dafür.

Mit Deutschland verbinden Sie „einen frischen Duft wie 4711 und ein Glas Kölsch“. Und was verbinden Sie mit München?

Die Menschen hier finde ich sehr angenehm, sehr seriös, aber eben auch sehr lustig. Sie nehmen das Leben ein bisschen anders als in Spanien. Die Stadt umarmt einen. In Köln, wo ich seit vielen Jahren singe, ist das ähnlich.

Ihre Landsleute sind demnach nicht so lustig wie die Münchner?

Wissen Sie, es gibt Länder, da leben Leute, die glauben, sie wüssten alles.

Was bedeutet für Sie Heimat?

Nach so vielen Jahren ist die Welt meine Heimat geworden. 1955 begann ich mit dem Reisen. Zum Beispiel nach Italien. Das war damals ein wunderbares Land, wenn ich an die Menschen denke. Die waren froh, dass der Krieg aus war. Sie waren voller Hoffnung, ob im Café, auf der Straße oder im Hotel. Das hat man als Gast deutlich gespürt. Und das hat sich geändert. Die Leute sind müde, ernster. Wie in Frankreich übrigens. Wenn man in ein Geschäft kommt, wird man gleich ziemlich direkt gefragt nach dem Motto: „Was möchten Sie, und zwar jetzt!“

Sind Sie froh, dass Sie in Ihrer Zeit Karriere machen durften? Beneiden oder bedauern Sie die jetzigen Nachwuchssänger?

Zu meiner Zeit gab es eine andere Liebe zur Musik. Heute sind Verträge und der Erfolg wichtiger als das, was die Stimme braucht. Ich habe deshalb auch Partien abgelehnt. Heute macht man auf der Bühne das, was der Markt fordert oder was der Regisseur will. Und wenn sich Erfolg einstellt, werden die jungen Sänger verrückt und wagen alles – obwohl ihnen noch die Reife fehlt. Viele Operndirektoren sind nur noch Funktionäre oder Manager, die auf den Kartenverkauf schauen. Und manchmal sehe ich Vorstellungen, die einfach peinlich sind. Dann denke ich: „Der arme Komponist, was hat man mit ihm gemacht.“ Ich weiß, dass viele Leute jetzt denken: „Ach, die alte Frau, was hat sie denn.“ (lacht) Aber meine Karriere dauert eben lang genug, damit ich solche Erfahrungen machen konnte.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Konzert am 22. April im Gasteig; Tel. 0180 / 54 81 81 81.

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