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Er nennt sich der Graf, macht seit zwölf Jahren Musik – und feierte seinen Durchbruch 2010 mit „Große Freiheit“.

„Ich werde nie machen, was angesagt ist“

München - Der Graf von Unheilig spricht im Merkur-Interview über sein neues Album „Lichter der Stadt“, Besuche im Hospiz, die Achtziger und Castingshows

„Der Graf“ ist zurück. Nach seinem riesigen Erfolg „Große Freiheit“ erscheint diesen Freitag das neue Unheilig-Album „Lichter der Stadt“. Wir trafen den Aachener Sänger, der sich „der Graf“ nennt, aber eigentlich Bernd Heinrich Graf heißt, in München. Obwohl er private Fragen konsequent aber eloquent ablehnt, wurde es dennoch ein persönliches Gespräch. Am 8. September spielt Unheilig auf der Galopprennbahn Riem.

Sie machen seit zwölf Jahren Musik, der Erfolg kam aber erst 2010 mit der CD „Große Freiheit“. Was zeichnet das Nachfolgealbum aus?

Das ist meine musikalische Therapie der vergangenen zwei Jahre. Ich war ständig weg von der Familie, habe drei Touren gemacht. Irgendwann war der Moment gekommen, an dem ich meine Gedanken rauslassen musste.

Was genau mussten Sie verarbeiten?

Der Grundgedanke von „Lichter der Stadt“ ist, dass jemand behütet vom Land in die Großstadt kommt. Deswegen geht am Anfang der Alarm los. Irgendwann kehrt er als erwachsener Mensch wieder nach Hause. Das ist mein Leben. Nach „Große Freiheit“ war alles neu für mich, diese vielen Reaktionen. Und dann beziehen viele Menschen die Lieder auch auf ihr Leben…

Das ist doch nichts Schlechtes.

Nein, aber es kamen sehr viele Anfragen etwa von Krebskranken, die mich vor ihrem Tod sehen wollten. Also habe ich sie im Hospiz besucht.

Sie hätten doch auch ablehnen können...

Natürlich habe ich mich gefragt: Will ich das? Kann ich das? Aber ich wollte. So ist zum Beispiel „Guter Weg“ entstanden.

Wie liefen diese Treffen ab?

Du sitzt am Bett, er redet mit dir. Seine Familie sitzt außen herum, alle weinen. Sein Leben findet in diesem Raum statt, mit den Menschen, die ihn lieben. Er will dir Fragen stellen und dir erzählen, was ihm deine Musik bedeutet. Und er erzählt dir, wie sein letzter Weg aussehen soll. Der Tod ist also meist klar.

Was haben diese Treffen in Ihnen ausgelöst?

Die ersten beiden werde ich nie vergessen. Das war nach einer Fernsehshow abends um 22 Uhr, und ich bin bis 1 Uhr geblieben. Es war unglaublich. Meine Gefühle habe ich auf dem neuen Album verarbeitet. „Geboren um zu Leben“ war der Auslöser für die Einladungen. Das Lied gibt wohl den Menschen Kraft, so etwas zu verarbeiten. Und das ist schön.

Wenn in einem Album so viel Gefühl steckt – wie fühlt es sich dann an, wenn es von der Kritik zerrissen wird?

Das ist mein achtes Album, jedes habe ich mit Herz geschrieben. Wäre Geld mein Antrieb, hätte ich nicht zehn Jahre lang durchgehalten. Bis „Große Freiheit“ haben meine Eltern mir monatlich Geld für meine Miete gegeben.

Auf dem neuen Album erinnern einige Lieder sehr an Rammstein. Ist das Ihr Weg, dem Vorwurf entgegenzutreten, Unheilig seieine Rammstein-Kopie?

Nein. (Lacht.) Wenn ein Lied hart ist, muss es für mich schlicht nach Rammstein klingen.

Gibt es keine andere Referenz?

Nichts ist so cool. Deswegen hört man in „Feuerland“ auch Rammstein-Gitarren. Es gibt Rock, Pop, Hiphop, Metal, und es gibt Rammstein. Unheilig ist nichts anderes als alle Musikrichtungen, die ich gut finde, in einen Pott geschmissen.

Besteht da nicht Gefahr, Abklatsch zu liefern?

Nein, ich schreib ja die Lieder selber. Das ist nur Inspiration.

Erinnern Sie sich an die erste LP, die Sie sich gekauft haben?

„Dadada“ von Trio.

Das floss aber nicht in die aktuelle CD mit ein...

Ich bin ein Kind der Achtzigerjahre. Diese Art und Weise, dieses Pathos von damals fließt natürlich ein.

Auf dem Album ist auch ein Duett mit Xavier Naidoo zu hören. Warum?

Da hat mein Bauchgefühl gesprochen. Es hat mich gewundert, dass er zugesagt hat. Er ist eine andere Hausnummer als ich. Er hat für seinen Part nur einen Tag gebraucht. Man hört auch nicht, dass wir nicht zusammen im Studio waren, oder?

Warum gibt es etwa kein Duett mit dem Sänger Peter Heppner?

Das wäre zu leicht. Auch sind mir Statuten und Dogmen egal. Man kann es nie allen recht machen, ohne seine Identität zu verlieren. Ich werde auch nie das machen, was gerade angesagt ist.

Dann sehen wir Sie also nicht bald als Juror in einer Castingshow?

Nein, auch wenn ich ständig angefragt werde. Ich war mal Pate bei „Mein Song“. Dort haben die Kandidaten ihre Lieder selber geschrieben. Nur wenn man eine Geschichte zu erzählen hat, also eine Aussage hat, ist man authentisch. Ich bedanke mich ja auch nicht beim Kellner, dass er gut gekocht hat. Aber im Fernsehen stehen Leute auf der Bühne, die die Träume anderer Menschen erzählen. Und das will ich nicht unterstützen.

Das Gespräch führte Angelika Mayr.

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