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„Ich bin ein intuitiver Mensch“: Michael Volle (51), Merkur-Theaterpreisträger.

„Ich werde mich nicht verbrüllen“

München - Vor dem Sprung ins schwere Wagner-Fach debütiert Bariton Michael Volle demnächst als Wotan und Hans Sachs. Über den Wechsel spricht er im Merkur-Interview.

Wotane sind in der Opernszene eine äußerst seltene Spezies. Umso aufsehenerregender, wenn es nun einen neuen gibt: Gerade hat Michael Volle, Merkur-Theaterpreisträger, in den Münchner Aufführungen von Mahlers Achter den „Pater estaticus“ gesungen, nun steht er vor dem Riesensprung ins schwere Wagner-Fach. Mitte November debütiert der 51-jährige Bariton in Sevilla als Wotan, im Januar folgt in Zürich sein erster Hans Sachs.

Ist das jetzt der Eintritt in eine neue Lebensphase? Michael Volle als Vertreter der Väter-Generation?

Ich habe vor einiger Zeit zu meiner Managerin gesagt: Ich will, bevor ich aufhöre, in ferner, ferner Zukunft also, auch noch einmal einen Papageno singen. Ich möchte mich nicht von irgendwelchen Fächern verabschieden müssen.

Kann man Rollen wie Wotan, abgesehen vom Technischen, erst ab einem bestimmten Alter singen?

Der Wotan erfordert nicht nur viel Kondition, sondern auch eine gewisse Erfahrung in der Einteilung. Diese unendlich langen Erzählungen kann man nicht einfach runtersingen, man muss sie auch kognitiv strukturieren. Und ich glaube, dass das einem Anfänger nicht ganz gelingen kann.

Haben Sie denn eine typische Wotan-Stimme? Oder gibt es die besondere Volle-Version?

Ich werde mich nicht verbrüllen. Natürlich wird es Momente geben, in denen es recht laut wird. Aber man darf sich davon nicht verleiten lassen. Es gibt so viel Rezitativisches, Kammermusikalisches, Intimes. Man muss vorsichtig sein, die Partie droht einen förmlich aufzusaugen.

Zum Beginn der Karrieret haben Sie Oratorien gesungen, dann auf der Bühne Lyrisches, nun kommt der Wotan. Das wirkt stringent geplant...

Es war gar nichts geplant. Ich bin ein sehr intuitiver Mensch. Vielleicht habe ich auch nie Anfragen zur falschen Zeit bekommen. Alles passte immer. Gut, ich habe als Anfänger in Bonn den Faninal gebrüllt, das muss man nicht noch mal hören. Aber auch wenn ich jetzt Wotan oder Sachs singe: Ich will dafür nicht irgendetwas anderes weglassen müssen. Ich werde weiter um jeden Bach und um jeden Schubert kämpfen. Nicht nur weil das wichtig ist für die Stimme, sondern weil es viel zu schön ist, um es aufzugeben.

Wotan in Sevilla, also abseits der großen Zentren, Sachs im kleinen Haus von Zürich: Ist das die vorsichtige Annäherung?

Es ist noch nichts unterschrieben, aber es kommen einige große Häuser dazu. Kaum spricht sich herum, dass ein neuer Wotan auftaucht, schon sind die Anfragen da. Ich will jetzt nicht überheblich klingen, aber ich finde, man sollte eine Partie erst dann singen, wenn man sie in jedem Opernhaus verkaufen kann. Ich glaube nicht, dass eine weniger gewichtige Stimme, die nur in kleineren Häusern funktioniert, dem Wotan gerecht werden kann. Abgesehen davon: Eine Wotan-Interpretation ist nicht allein eine Frage des Dezibelausschlags.

Verkauft man sich als Heldenbariton besser mit Wolfram-Auftritten?

(Lacht.) Wir Baritone, übrigens auch die Mezzosopranistinnen, sind in diesen Markt-Dingen nicht so gefährdet. Unsere Partien liegen oft nicht so exponiert, außerdem sind wir nicht gut verwertbar für die Regenbogenpresse. Das alles wirkt wie ein automatischer Schutz. Ich gebe allerdings zu: Es gibt viel mehr lyrische als Heldenbaritone. Und wenn man als Wotan reüssiert, dann hat man schon gute Karten. Das ist auch ein Resultat von Karriere. Wenn man in der Szene bekannt ist, dann wird man manchmal ungehört für Neues engagiert.

Die Schublade „deutscher Heldenbariton“ wäre damit festgelegt. Was ist mit den Scarpias und Jagos?

Man ist eben der Gnade der Besetzungsbüros ausgeliefert. Ich habe das Glück, dass ich gute Verbindungen zum Royal Opera House nach London habe. 2013 singe ich dort sowohl meinen ersten Scarpia in einer Wiederaufnahme als auch die Premiere von Verdis „Sizilianischer Vesper“ unter Antonio Pappano. Und das ich, als Deutscher, im Verdi-Jahr.... Das ist für mich der Ritterschlag. Im Grunde ist es doch Unsinn: Es gibt keine deutsche Art zu singen. Nehmen wir Placido Domingo als Lohengrin. Natürlich singt er mit Akzent. Aber so wie er Phrasen belcantesk gestaltet, ist doch ideal für diese Partien. Und bei Franz Grundheber als Simon Boccanegra bleiben auch keine Wünsche offen.

Wie geht es also weiter? Kommen müssten nun Holländer, Telramund...

Telramund habe ich oft angeboten bekommen, der juckt mich nicht so. Ich weiß auch nicht warum. Es prickelt einfach nicht. Den Holländer singe ich 2013 an der Deutschen Staatsoper Berlin mit Daniel Harding. Und der Sachs für die Salzburger „Meistersinger“ ist 2013 noch nicht unterschrieben... Und schauen wir mal, ob die beiden Bayreuther Damen auch reagieren. Ich hätt’ nichts dagegen.

Bescheren solche Brocken wie Wotan und Sachs den größeren Adrenalin-Kick als andere Partien?

Weiß ich noch nicht. Nach dem Papageno ist man ja auch irgendwie high, weil der eine sehr einnehmende, anstrengende Rolle ist. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass ein Sachs sehr, sehr befriedigt. Man darf sich allerdings nicht daran besaufen. Wichtig ist eine Art kontrollierte Ekstase. Es muss so wirken, als ob man sich völlig verausgabt – so lange man selber das Gefühl behält: Das könnte ich gleich noch mal singen.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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