"Ich wollte immer gewinnen"

München - Neunzehn Jahre jung und schon eine international gefragte Pianistin: Lise de la Salle. Heute gibt die Französin im Münchner Herkulesssaal ein Konzert. Auf dem Programm: Mozart und Prokofieff.

Hoch begabte Kinder überspringen in der Schule schon mal eine Klasse. Lise da la Salle übersprang gleich das ganze Pariser Konservatorium. Als sie endlich aufs Conservatoire national supérieur de Paris durfte, so erzählt Lise de la Salle, landete sie gleich in der Postgraduierten-Klasse, und zwei Jahre später war sie bereits fertig.

Angefangen hat die natürliche, junge Musikerin allerdings sehr früh. Geboren im nordfranzösischen Cherbourg, wuchs sie in Paris in einer sehr künstlerisch geprägten Familie auf: "Meine Mutter ist eine passionierte Chorsängerin, meine Großmutter ist Klavierlehrerin, und bei uns zu Hause liefen immer CD oder Radio."

Als die vierjährige Lise sich fürs Klavier interessierte, meldeten die Eltern sie in einer Musikschule an. "Doch Taktschlagen und Singen war nicht meins, ich wollte Klavier spielen!" Sie setzte sich durch und durfte ans "Conservatoire Rachmaninov".

Daneben lief alles wie üblich: Lise besuchte die Ecole Maternelle, wo sie keineswegs eine Sonderstellung einnahm. "Die anderen Kinder tanzten oder spielten Theater, ich spielte eben Klavier. Eine halbe Stunde in der Woche." Dafür übte sie täglich zehn Minuten, nicht mehr, und wechselte mit sieben Jahren in die normale Schule. Doch schon ein Jahr später riet eine Lehrerin zum parallelen Besuch eines Konservatoriums für die Jüngsten. Lise bestand die Aufnahmeprüfung, sagte wenig später der allgemeinen Schule adieu und absolvierte zu Hause ihr Lernpensum.

"Ich bin sehr unabhängig und es machte mir nichts aus, allein zu lernen. Nachmittags, im Conservatoire, traf ich dann meine Freunde, und ich war bei allen Späßen dabei." Dass sie immer die Jüngste war, irritierte Lise de la Salle nie. "Ich betrat früh die Erwachsenenwelt, aber die Großen akzeptierten mich, und ich war glücklich. Ich hatte schon als Jugendliche Freunde, die 30, 40 oder 50 Jahre alt waren. Das fand ich völlig normal. Ich habe heute, abgesehen von einigen guten Freunden, eher Schwierigkeiten mit Gleichaltrigen, die ganz andere Interessen haben und ein anderes Leben führen als ich."

Schon als junges Mädchen beteiligte sie sich an allen nationalen Wettbewerben. "Das motivierte mich, denn ich wollte immer gewinnen." Mit 13 Jahren schloss sie das 1. Konservatorium mit dem ersten Preis ab und wurde als 15-Jährige in die Meisterklasse des "richtigen" Conservatoires aufgenommen. Auch ihr Abitur, auf das sie von Privatlehrern vorbereitet wurde, absolvierte Lise de la Salle wie üblich im Alter von 17 Jahren. Allerdings unter nicht alltäglichen Umständen:

"Im ersten Prüfungsjahr spielte ich zwei Tage vor dem Mathe-Examen noch ein Konzert in Japan, und im Abschlussjahr nahm ich drei Tage vor den letzten Prüfungen meine dritte CD in Lissabon auf." Ihr 18. Lebensjahr nennt die junge Französin, die derzeit mit keinem festen Lehrer arbeitet, schicksalhaft: "Ich bin von zu Hause ausgezogen und habe meinen Freund kennengelernt. Nein, er ist kein Musiker, aber er hat gute Ohren."

45 Konzerte im Jahr mutet sie sich zu - in Europa, den USA, Japan und demnächst erstmals in China. Mehr geht nicht, denn "ich brauche Zeit für mich und für mein neues Repertoire". Das reicht schon jetzt von Bach über Mozart, Beethoven und Chopin bis zu Prokofieff und Rachmaninov. Und es geht weiter.

Lise de la Salle gönnt sich genügend Zeit für ein neues Stück. "Ich möchte mit einem Stück leben, es arbeitet allein in mir. Ich muss so weit gehen, wie ich kann, muss fokussieren", gesteht die Künstlerin, die als musikalische Vorbilder nicht nur Pianisten wie Horowitz, Richter, Gould und Gulda nennt, sondern auch drei Sängerinnen: Maria Callas, Elisabeth Schwarzkopf, Gundula Janowitz. An der ersten schätzt sie "Leidenschaft und Dramatik", an der zweiten "Klarheit und Perfektion" und an der dritten "Schönheit des Klangs und Natürlichkeit". Diesem Dreigestirn will sie nachspüren: "Ich möchte die Zuhörer vergessen lassen, dass das Klavier ein perkussives Instrument ist. Ich will damit singen."

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