Ideale Arena der Selbstdarstellung

- Regen prasselt, der Wind pfeift durchs Haus der Kunst, und Donnergrollen rollt durch die Säle. Wettertheater im Welttheater. "Theatrum Mundi" heißt die Ausstellung, die Kunst und Bühne im 17. und 18. Jahrhundert darstellen will. Anlass für diese üppige Reverenz ist das Jubiläum 350 Jahre Oper in München. Dieser "Geburtstag" wird mit vielen Veranstaltungen gefeiert (Initiator ist die Staatsoper). Kurator Ulf Küster widmet sich ganz dem Barocktheater, andere Traditionen bleiben ausgeblendet.

<P>Barock bedeutet insbesondere für Deutschland einerseits Dreißigjähriger Krieg und die Verelendung ganzer Landstriche, andererseits fürstliche Macht- und Prachtentfaltung. Das höfische Theater war Teil der Selbstdarstellung, also des Legitimationsapparates des Absolutismus, den dann ein anderer Apparat, die Guillotine, zerhackte. Das Theater als idealer Spielort für Erzählungen, Emotionen und Eitelkeiten überlebte jedoch mühelos. Bürger, Plebs und Edelmann wollten nicht auf diese Arena der Lebensfreude verzichten. Aber Theater lebt eben nur, wenn es lebt. Das ist die Schwierigkeit der Schau, die kein Gesamtkunstwerk aus Sängern/Schauspielern, Stück, Inszenierung, Musik, Bühne, Parkett und Publikum bieten kann. Das Team des Hauses der Kunst sollte sich deswegen doch noch entschließen, die Säle in Klänge von Monteverdi über Schütz bis Gluck einzuhüllen. Denn Donner und Regen allein machen kein Theatrum Mundi.</P><P>König, Star und Harlekin</P><P>Gemälde und Grafiken, Figurinen und Modelle, Originalkostüme und Maschinen bis hin zu einem echten Bühnenbild eines Theatrum Sacrum schildern die vielfältigen "Inszenierungen" des 17./18. Jahrhunderts, zeigen die Bezüge auf _ wenn man genau hinsieht. Und Vorwissen hat. Der Monarch als Zentralgestirn einer Aufführung entschlüsselt sich über die Präsentation eben nicht problemlos. Genauso wenig, dass er von neuen Publikumslieblingen, Stars wie Countertenor Farinelli, verdrängt werden konnte. Oder dass Theaterarchitekten genau darauf achteten, auch die Zuschauer perfekt in Szene zu setzen. </P><P>Grundsolide ist die Präsentation im Haus der Kunst, bietet einmalige Leihgaben - besonders das Deutsche Theatermuseum München konnte seine Schätze ausbreiten -, aber theatralisch, dramatisch, erregend ist sie nicht. Die vielen Bühnenbild- und Szenendarstellungen, mal als Radierung, mal mit der Feder skizziert, mal farbig laviert, ermüden, sind museales Spezialistenfutter - außer es gibt ganz ausgefeilte Prachtarchitekturen zu sehen wie bei Giuseppe Galli Bibiena. Da machen die puppenstubenputzigen Bühnenbildmodelle und die Modelle berühmter Theaterbauten schon mehr Seh-Spaß.</P><P>Barocke Sinnlichkeit erhascht man nur ab und zu. Wenn im Theatrum Sacrum (aus Neuzelle) ein muskulöser Kain Abel niederprügelt, wenn rundliche Busen und weiche Ärmchen gefühlsstrotzender Schauspielerinnen in feinen Ölfarben verewigt werden, Colombine und Harlekin sich gezierter gebärden als jeder Höfling. Auch die barocke Lust an Affekt und Effekt entdeckt nur der geduldige Bildbetrachter: im geradezu vulkan-mächtigen Feuerwerk, in Festumzügen, bei denen sich die Herren grotesk riesige Federbüsche aufsetzten, bei (in unseren Augen) überkandidelter Körpersprache. Das zwiespältige Verhältnis von Menge und Einzelnem lässt sich gerade aus naiv gemalten Werken herauslesen. Sie zwingen ungeniert Menschenmassen ins Bild, versuchen aber dann - unglaublich geduldig - Individuen kenntlich zu machen, denn auf der Weltbühne steht jedem sein Auftritt zu. Die Quasi-Fotografie alter Tage von einer Art Pop-Konzert.</P><P>Populäres Theater gab es neben dem höfischen Schaulaufen auch. Die Ausstellung zeigt als Beispiel die Commedia dell'arte, zieht den interessanten Vergleich zum Marionettenspiel. In dieser Abteilung gibt es die besten Gemälde zu sehen, gerade weil sie nichts mit dem pompösen Mythos-Programm à` la Dido oder Rinaldo zu tun haben. Großartig und vor allem rätselhaft Giambattista Tiepolos "Küche der Pulcinellen": Eine Gruppe Maskierter in ihren weißen Kostümen und hohen Hüten, grotesk verzerrt mit Dickbauch und Buckel, kocht bei einer Ruine eine Suppe. Alltagsverrichtung von Wesen, die sich scharf abgrenzen von "echten" Menschen, die es auf diesem Gemälde nicht mehr zu geben scheint. Das Komische wird zur gespenstischen Gegenwelt. </P><P>Bis 21. September, Tel. 089/ 21127 0, Katalog, Edition Minerva: 32 Euro.<BR></P>

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