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Diesen Freitag ist Boris Charmatz’ in „Insight II“ im Rahmen der Tanzwerkstatt zu erleben.

Münchens TWE sucht nach Kontakten

Ideen aus dem Zirkus

Wir sind ja schon daran gewöhnt, dass uns alles, vom Fensterputzmittel bis zum Festival, mit getösigem Werbe-Tamtam verkauft wird. Wohltuend, dass es Ausnahmen gibt. Münchens Tanzwerkstatt Europa (TWE) bewahrte auch in seiner 19. Runde seinen Werkstatt-Charakter.

Und der entspricht letztlich genau dem Genre zeitgenössischer Tanz: Tanz, der sich gar nicht eignet für das große Repräsentations-Spektakel, weil er nie fertig, dafür aber – was mindestens so viel zählt – unentwegte Suche ist.

Und genau dieser Prozess des Suchens, des Hineinforschens in den Körper, in die Bewegung, war bei der TWE ’09 wie unter dem Brennglas zu verfolgen: Gotta Depri von der Elfenbeinküste wirft, tanzend und erzählend, einen ironischen Blick auf die trendige Symbiose von traditioneller afrikanischer Tanzkultur und freien Bewegungen. Jetzt rhythmisch rasende Füße eines Initiationsrituals – und dann ein westlich theatraler Tanzsturz zu Boden. In André Hellers Show „Afrika, Afrika!“ hat er gelernt, wie dieser Mix flott und kommerziell effektvoll hergestellt wird. Von Regisseurin Monika Gintersdorfer (2002 „Bedbound“ an den Kammerspielen) eher lasch geführt, bringt Depri dennoch mit seinem Energie-Charme diese kleine Geschichtsstunde sympathisch an den Zuschauer.

Die Französin Alix Eynaudi, lange Tänzerin bei Belgiens Pina Bausch, der renommierten Anne Teresa de Keersmaeker, startet mit dem Solo „supernaturel“ gerade ihren Wechsel zur Choreographin. Da wallt mächtig viel Theaternebel, raunt ein Psychotherapeut-Text. Aber mit einer „ansteckenden“ Konzentration und leichtfüßiger Bewegung ist Eynaudi in ihrem himmelblau-wolkigen Kleidchen fast so etwas wie eine postmoderne Isadora-Duncan-Enkelin.

Bewegungsstudien – so könnte man jedes der acht verschiedenen TWE-Programme überschreiben, insbesondere den „Insight I“-Dreier-Abend: Stefan Dreher , hüpfschwebend oder bäuchlings, in seinem hintersinnig mönchischen Solo; Goran Bogdanovski , ein greller Tanzclown, fast ein zappeliger Verwandter der Marx Brothers; Katja Wachter , darstellerisch stark zwischen zerbrechendem Wort und zerfallenden Tanzvokabeln.

Auch Regisseur Laurent Chétouane (u. a. „Iphigenie“ an den Münchner Kammerspielen) lässt seinen Darsteller sprechen und sich synchron bewegen, um die Kluft, „das Dazwischen“, fühlbar zu machen. Ein heikler intellektueller Versuch, dessen lähmende Langeweile produzierender minimalistischer Realisierung – viel Raum-Abschreiten und sich wiederholende Armgesten – man jedoch eine strenge Qualität nicht absprechen kann. Interessant bei Chétouane wie bei dem von der Zirkuskunst kommenden Felix Bürkle ist die Tatsache, dass es Tanzfremden gelingt, das choreographische und das Festival-Terrain zu erobern. Wie das? Dem zeitgenössischen Tanz geht ein bisschen die Luft aus. Und er scheint dankbar für die möglicherweise befruchtende „Immigration“. Auch wenn in Bürkles „beckett, beer and cigarettes“ die Beckett-Atmosphäre lediglich oberflächlich mit Düster-Licht und monotonen Jazz-Improvisationen eingefangen wirkt – handwerklich ist es exzellent gemacht. Und das sportiv federnde Springen über Tisch und Stühle von Bürkle und zwei fitten Kollegen, die dabei lässig mit Bierflaschen Handball spielen, ist virtuose Bewegungskunst.

Die TWE zeigte auf jeden Fall, was zur Zeit im Trend liegt. Und das, geradezu heroisch, mit einem Budget von nur 250 000 Euro.

von Malve Gradinger

„Insight II“

diesen Freitag, Muffathalle, 20.30 Uhr; 089/ 54 81 81 81.

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