"Ideenreicher Dilettant"

- Wie wird man Verleger? Oder besser: Wie wurde man Verleger im 20. Jahrhundert, der großen Zeit der Familien- und Verlegerverlage, als noch keine Konzernriesen die unternehmerische Leidenschaft des Buchliebhabers bedrohten? "Ein unbekannter Käufer hatte im Laden einen sehr zerlesenen, braun gebundenen Reclamband liegen gelassen, in den ich hineinschaute. (. . .) Nach der ersten Lektüre dieses Schopenhauerbandes sagte ich mir, da müsse man doch die entscheidenden Sätze auf einen Bogen zusammendrucken und an möglichst viele Menschen verteilen! Der Verleger regte sich zum ersten Mal in mir." Das ist die Antwort Reinhard Pipers, der diese Szene in "Mein Leben als Verleger" erinnert.

<P>1904 war es so weit: Der 24-jährige gelernte Buchhändler Reinhard Piper gründete am 19. Mai in München den Verlag R. Piper & Co. (Georg Müller). In diesen Tagen feiert man 100. Jubiläum, nicht mehr als Familienverlag zwar, aber innerhalb der Bonnier-Gruppe, zu der Piper seit 1994 gehört, konsolidiert. Klaus Piper hatte nach dem fast unausweichlichen Generationenkonflikt seinem Sohn Ernst Reinhard als dritter Generation die Führung nicht überlassen wollen. Weniger dem Sohn als dem Vater verpflichtet, orientierte er sich an dessen Prognosen: "Verlage überdauern selten ein Jahrhundert."<BR><BR>Edda Ziegler, Münchner Germanistin und Buchwissenschaftlerin, hat all diese Zeugnisse zur Position des Verlags zusammengetragen: in einem vielseitigen, geschickt strukturierten Jubliläumsband, der zudem verständlich geschrieben und ansprechend gestaltet ist. Ein Buch über Bücher, Büchermacher  und Autoren. <BR><BR>Porträt einer Branche</P><P>Ein  komplexes Werk, das Zeitgeschichte beschreibt und an einem Verlagshaus die Branche porträtiert, in der sich unternehmerischer Geist und künstlerisches Schaffen gegenseitig befruchten. Im Falle Reinhard Pipers geschah das in einem besonderen Maße: Auf Literatur, Musik, Philosophie und Kunst hatte der "ideenreiche Anfänger und Dilettant" seinen Verlag etwas wahllos aufgebaut, wobei Kunst nicht nur Bücher über Künstler meinte. Piper wurde berühmt für die hohe Qualität seiner Kunstdrucke und -mappen und legte auch auf die Buchgestaltung höchsten Wert. Olaf Gulbransson, Paul Renner und Emil Preetorius etwa arbeiteten für ihn. Zu Ernst Barlach hatte er enge Kontakte, Alfred Kubin und Max Beckmann erschienen bei ihm. Wassily Kandinsky und Franz Marc veröffentlichten ihren Almanach "Der blaue Reiter" bei ihm. Um nur eine kleine Kostprobe zu geben aus dem Umfeld des Grafiksammlers Reinhard Piper.<BR><BR>Edda Ziegler geht klug vor: chronologisch, aber mit Querverbindungen dort, wo sie passend und bereichernd sind. Ein gewaltiges Panoptikum entsteht so und schildert die wirtschaftlich schwierigen Jahre im Ersten Weltkrieg, den Rückzug in die "deutsche Innerlichkeit" während des Zweiten, einschließlich der - im Vergleich zu anderen Verlagen wenigen - dunklen Seiten mit Nazi-nahen Autoren. "Zwischen Rückzug und Anpassung" charakterisiert sie dieses wie in fast allen Verlagen noch spärlich aufgearbeitete Kapitel, das in den Erinnerungen Pipers von privaten Ereignissen überlagert ist. Und ein umso schwereres Vermächtnis für den Nachkriegsverlag wurde: Ingeborg Bachmann hegte zeitlebens Misstrauen gegen die uneindeutige Positionierung; die Beschäftigung eines ehemaligen Nationalsozialisten als Übersetzer bedingte ihre Vertragsauflösung mit Piper. Da wusste sie nicht einmal, dass der damalige Verlagsleiter Hans Rössner, der Autoren wie Hannah Arendt und Karl Jaspers betreute, eine Nazi-Vergangenheit verheimlichte. <BR><BR>Allein die diffizile Aufschlüsselung darüber, welche unternehmerischen Anstrengungen unternommen werden mussten, um Zeiten wie das "Dritte Reich" in jeder Hinsicht unversehrt zu überstehen, macht dieses Buch lesenswert, nicht nur für Buchfreaks, Verleger und solche, die es werden wollen. </P><P>Edda Ziegler: "100 Jahre Piper. Geschichte eines Verlages." <BR>Piper, München, Zürich, 398 Seiten; 24,90 Euro. <BR>Am 25. Mai Buchpräsentation um 20.30 Uhr bei Lehmkuhl.<BR><BR></P>

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