Ingolstadt entlässt Walpurgis - Interims-Nachfolger steht fest

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Ideologische Irrungen und Wirrungen

- Kaufmännisches Talent wurde ihm 1947 in die Wiege gelegt. 20 Jahre später gab ihm der Zeitgeist die Kapitalismus-Kritik noch dazu. Manch einer wüsste nicht wohin in seiner ideologischen Verwirrung. Nicht so Bernd F. Lunkewitz, Kasseler Kaufmannssohn und Philosoph ohne Abschluss, Immobilienhändler mit Millionen und Verleger von aufklärerischem Sendungsbewusstsein. Mit Vorliebe trägt er existenzialistisches Schwarz, pafft Zigarren, und seine Grätsche zwischen Marxismus und Kapitalismus wirkte dabei nicht einmal lächerlich, eher exotisch und imagebildend.Besonders seit 1992, als Lunkewitz den so maroden wie namhaften Berliner Aufbau-Verlag erwarb, den Johannes R.

<P>Becher 1945 gegründet hatte und der vor der Wende der größte DDR-Verlag war. Viel privates Geld steckte Lunkewitz hinein, 1999 schrieb der Aufbau-Verlag endlich schwarze Zahlen, und nach Verlusten im Jahr 2001 machte er sogar 2002 schon wieder Gewinn. </P><P>Ein wenig stolz nimmt der Kunsthändler und Mäzen unter all den Galionsfiguren der Buchbranche seinen Aperitif im Münchner Künstlerhaus, wo die Publikumsverlage als Mitglieder des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ihre Jahresverammlung abhalten. Der marxistische Immobilienhändler, von allen Seiten früher belächelt, heute bestaunt, soll den Kollegen erzählen, ob man mit Büchern noch Geld machen kann. "Im Prinzip ja." Und die Einschränkung folgt auf dem Fuße: "Wenn man es nicht wieder in andere Bücher steckt. Aber der Aufbau-Verlag akkumuliert nicht Geld, sondern Autoren." Theodor Fontane, Anna Seghers, Egon Erwin Kisch, Kurt Tucholsky und Christoph Hein zählen zum Programm. Die Klemperer-Tagebücher wurden ein riesiger Erfolg. Tanja Dückers und Thomas Lehr kamen als jüngere Autoren hinzu. "Bei den großen Konzernen macht der Umsatz der Literatur nur einen Bruchteil neben dem von Fernsehen und Zeitschriften aus. Früher wollte man sich das leisten, heute kostet es vor allem Geld. Als Verleger muss man eben wissen, für wen und warum man Bücher macht."</P><P>Bei ihm heißt das: für die demokratische Erneuerung, die schon bei der Verlagsgründung Programm war. Außerdem bevorzugt er emotional packende Unterhaltungsliteratur. Das ist nicht so überraschend, wie es klingt: "Shakespeare ist Unterhaltung und Goethes ,Die Leiden des jungen Werther auch. Seit den 60ern steht emotional packende Literatur in der trivialen Ecke." Dort holt er sie nun heraus. Lunkewitz ist immer noch Immobilienbesitzer und lässt bauen: "Ich schicke nur den Scheck", winkt er mit der rechten Hand lässig ab. </P><P>Seine tägliche Arbeit nämlich ist der Verlag. Vor der Erfüllung dieses Jugendtraumes geriet er nicht gerade auf Ab-, aber doch auf Umwege. Der Student, der die "Rote Brigade Bockenheim" gegründet hatte und für die Diktatur des Proletariats kämpfte, fand als Aushilfssekretär bei einer Immobilienfirma Gefallen am Geldverdienen. Die Instrumente des Kapitalismus ausprobieren, sie kritisieren und gleichzeitig beherrschen, das sei sein Experiment gewesen. So redet er sich, die schwarze Hornbrille schwenkend, heraus. </P><P>Inzwischen zählen zu seiner Verlagsgruppe Aufbau Taschenbuch, Gustav Kiepenheuer, Rütten & Loening und der Audio Verlag dazu. Kleine Verlage zu schlucken, sei ihm eigentlich zuwider, und so will er künftig nur weiter wachsen. Aber die ungeklärten Eigentumsverhältnisse liegen ihm im Magen: Die Treuhand verkaufte ihm den Verlag, obwohl er angeblich dem noch existierenden Kulturbund gehört und daher nie Volkseigentum geworden ist. "Es wird von den Richtern gebogen und gelogen, um den Staat vor Schadensersatzforderungen zu schützen", ereifert sich Lunkewitz. Und weiß immer noch nicht, ob er rechtmäßiger Eigentümer ist und Autorenrechte ins Ausland verkaufen darf. Das wurmt ihn, wo er doch Vorzeige-Verleger sein will: "Während die Branche jammert, muss man mal sagen: Es ist der schönste Beruf der Welt." Erst recht, wenn man ihn sich als Zweitberuf leisten kann. <BR></P>

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