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Das Alpenglühen fing der gebürtige Londoner Edward Theodore Compton, der sich übrigens in Feldafing ansiedelte, am Montblanc ein. 1907 malte er das Bergmassiv bei Sonnenuntergang, der Blick geht vom Col de Miage aus.

Schlossmuseum Murnau

Idyll – Drama – Drohung

Murnau - Das Schlossmuseum Murnau zeigt die Ausstellung „Alpenglühen – Die Berglandschaft als Sehnsuchtsort“.

"Dichte Luftschichten streuen die Strahlen der Sonne und lassen nur das langwellige rötliche Licht passieren“, belehrt der Katalog so physikalisch wie prosaisch über das Alpenglühen, das uns doch so schön in erhabenen Enthusiasmus versetzt. Genau an diesen wendet sich die neue Sonderausstellung „Alpenglühen – Die Berglandschaft als Sehnsuchtsort“ im Murnauer Schlossmuseum. Und damit ergibt sich wieder einmal ein verlockender zusätzlicher Anlass, einen Ausflug zur Marktgemeinde an Staffelsee und Moos zu machen. Zumal der Museumsbesucher – völlig wetterunabhängig – grandioses Bergpanorama und sogar reichlich Sonne geboten bekommt.

Die Präsentation kann sich auf eine Privatsammlung aus süddeutschem Besitz stützen, die das 19. Jahrhundert mit seiner Bergwelt vor dem Betrachter ausbreitet. Ergänzt wird das durch Leihgaben und über den Blauen Reiter sowie andere Expressionisten bis zu Aspekten der Gegenwartskunst weitergeführt. Als kleines Präludium fungiert das Symbol Berg. Da räkeln sich Hellas’ Götter auf dem Olymp; da gibt es den heiligen Berg Andechs; und – ganz ohne geologischen Hintergrund – den Berg der Tugenden, den man hinanklimmen sollte. Die Sache mit dem Erklimmen kann allerdings auch böse enden – selbst das macht ein Gemälde klar. Es erzählt von den schlimmen Mächten an der Felswand. Dort lauert nämlich die Alpenbraut, offenbar eine Berg-Variante der Loreley, auf stramme Kraxler, um sie ins tiefe, kalte Hochzeitsbett zu reißen.

Nachdem Großartiges und Gruseliges dermaßen abgesteckt sind, wendet sich der Wanderer von Murnau aus, das heißt, noch relativ distanziert den Gebirgsketten zu. Großmeister Christian Ernst Bernhard Morgenstern blickt über das Murnauer Moos, das im Morgendämmer ruhig daliegt, auf das Wettersteinmassiv (1857). Auf ihm und seinen Firnfeldern glänzt bereits die heraufsteigende Sonne. Von hier aus gelangt man immer tiefer hinein ins Gebirge und höher hinauf auf die Gipfel. Für Museumschefin Sandra Uhrig waren dabei Fragen wichtig wie: Auf welche Weise setzen sich die Künstler mit den Bergen auseinander? Gibt es Schicksalsberge?

Bei der Murnauer Schau wird eher auf die angenehme Seite dieser Landschaft geblickt. Das Todbringende der unwirtlichen Natur ist meist nur ahnbar. Denn diese Welt haben sich die Menschen erschlossen, zeigt zum Beispiel Johann Adam Klein. Ein schwer beladener Packwagen schafft es problemlos über die belebte Gebirgsstraße (vor 1847). Erhabenheit und Idyll werden gern kombiniert: Dorfplatz mit Zugspitze von Heinrich Bürkel (um 1855), Waschtag auf der Alm von Lorenzo II. Quaglio (1821) oder Ruderer auf dem Eibsee von Johann Jakob Dorner d.J. (1817).

Landschaftsmaler liebten – von jeher – zugleich das Drama. Da tost der Bach durch die Gesteinsbrocken der Schlucht, scharfe Schlagschatten verdunkeln das Tal, und schrundige Felsen steigen empor, um die sich Wolken ballen. Ganz nahe an diese abweisende Welt rücken dann Künstler wie Eugen Bracht sowie der berühmte Edward Theodore Compton und sein Sohn heran. Bei ihnen gibt es Fels und Berg pur. Die untergehende Sonne streichelt rosenfingrig die Spitzen des Montblancs (Compton, 1907), während unter ihnen die bläuliche Kälte niedersinkt.

Zu solchen Farben bekennen sich erst die Expressionisten radikal. Blau in allen Schattierungen liebt Gabriele Münter, Ernst Ludwig Kirchner setzt ein blaues Fanal, und Marianne von Werefkin lässt die Alpen glühen in kräftigem Himbeerton. Gebirge wird hier mal symbolisch aufgeladen, mal als Spiegel des ewigen Wechselspiels von Licht und Wetter genutzt. Das leuchtet und knallt, droht und besänftigt, riegelt die Landschaft ab – und saugt den Blick an. Immer.

Simone Dattenberger

Bis 23. Juni,

täglich außer Mo. 10-17 Uhr, an allen Feiertagen geöffnet; Telefon 08841/ 47 62 07; Katalog: 25 Euro.

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