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Beethoven aus der Position des hinterfragenden Lyrikers: Igor Levit (32) legt die 32 Sonaten demnächst als CD-Box vor.

FINALE IM PRINZREGENTENTHEATER

Igor Levit mit Beethoven: Da kommt noch was

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Als ob es nach der letzten Klaviersonate noch weitergeht: Igor Levit schließt seinen Münchner Beethoven-Zyklus ab

München - Auch plattentechnisch hat der Mann die Nase vorn. Noch acht Monate, bis das Beethoven-Jahr losplatzt, doch schon in diesem September ist die erste CD-Box zum Jubiläum auf dem Markt, die Einspielung aller Sonaten. Ein Heiliges umweht ja den Zyklus, vom „Neuen Testament“ der Klaviermusik wird gern geraunt. Und auch wenn man den Weihrauch ignoriert: So oder so wird dies eine der wichtigsten interpretatorischen Aussagen in der Karriere von Igor Levit.

Beethovens 32er-Serie zum 250. Geburtstag des Meisters, das ist zweifellos PR-Strategie. Und zugleich logischer Schlussstrich unter Levits zurückliegende Aktivitäten. Im Prinzregententheater hat der 32-Jährige nun seinen Live-Zyklus der Sonaten beendet. Vom Pflicht-Termin für Connaisseure zur betrampelten Kult-Matinee hat sich die Sache gewandelt.

Die drei letzten Sonaten zum Schluss, das klingt logisch. Doch so, wie Levit Beethovens finale Worte zu diesem Instrument formuliert, spürt man zugleich: Da könnten noch zehn, fünfzehn Sonaten folgen. Natürlich hört man viel Erwartbares heraus, Abgeklärtheit, Reife, Melancholie, eine umflorte Klanglichkeit, die Meditation über unsagbare, womöglich letzte Dinge. Doch zugleich wird klar, dass Beethoven hier nichts beendet, sondern sich vortastet in anderes, dabei immer wieder Halt und Selbstvergewisserung sucht in der überkommenen Struktur: Levit spielt etwa den doppelten Rückgriff auf die barocke Fuge im Finale von Opus 110 als atemverschlagende, mirakulöse Momente.

Ein Finale als Durchgangsstation

Ein großes Fragezeichen steht bei Levit also über den drei letzten Sonaten. Zumal er ohnehin kaum auf – meist ja äußerliche – Kraftentladungen setzt. Weniger um Energie und Vehemenz geht es ihm (so wuchtig der Kopfsatz von Opus 111 auch in den Raum gestanzt wird), sondern um Farbvaleurs, um Verdichtungen und, viel öfter, um Entmaterialisierungen wie im Adagio von Opus 110.

Wenn’s denn eine Schublade sein darf, dann ist es bei Igor Levit die des hinterfragenden Lyrikers. Man höre nur die impressionistisch grundierte, wie spontan entstehende Matrix im ersten Satz von Opus 109, das Andante im selben Werk, das wie eine Zeitlupen-Canzone vorbeizieht. Oder die Fragilität der Arietta von Opus 111: Levit lässt die Variationen im fast zwanzigminütigen Riesensatz völlig logisch aus sich erwachsen, nimmt die „Boogie-Variation“ auch nicht als Effekt, sondern führt so schlicht wie einleuchtend den Zusammenprall zweier Rhythmisierungen vor – und später die Auflösung von Architektur in Stilelemente wie Triller und Liegetöne.

Die letzten Sonaten bleiben bei Igor Levit also eine Durchgangsstation Beethovens. Ahnungen, Andeutungen, Experimentelles, all das schwingt in jedem der Sätze mit. Und manchmal klingt es, als seien dem Komponisten seine schönsten Arien und Lieder nicht für die Stimme, sondern fürs Klavier eingefallen.

Ein paar Stunden später hat Levit über all das noch mit der Journalistin Eleonore Büning im Münchner Literaturhaus geredet, bei der Vorstellung ihres Buches „Sprechen wir über Beethoven“. Womit auch klar wird: Selbst Igor Levits Sonaten-Box und der gerade beendete Zyklus sind nur ein erstes Statement. Da kommt noch was.

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