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Igor Levit bräuchte für seine Technik eigentli ch zwölf bis vierzehn Finger.

Salzburger Festspiele

Igor Levit: Ein Mann spielt Klartext

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Igor Levit gestaltete bei den Salzburger Festspielen einen Solo-Abend wie geschaffen für die Gala-Gemeinde. Lesen Sie hier unsere Kritik:

Salzburg - Es kann nur einen geben? Dabei existiert der Mann in vielgestaltiger Ausfertigung. Als frecher, hochpolitischer, in seinen Klaviervideos auch intim-empfindsamer Twitterer. Als, das vergisst man dabei manchmal, einer der fordernsten, eigenwilligsten Konzertpianisten. Und, da müssen nun einige stark sein, als erklärter Anti-Wagnerianer. Ironie ist das schon nicht mehr, was Igor Levit über Richard selig sagt und schreibt, eher boshafte Stichelei. Und was macht er dann? Sitzt im Saisonfinale der Bayerischen Staatsoper beim „Parsifal“ und spielt wenige Tage später bei den Salzburger Festspielen den „Feierlichen Marsch zum Gral“. Das verbirgt sich also hinter all den Spitzen, wie man begreift: Es ist echte Liebe.

Levit ist einer der fordernsten, eigenwilligsten Konzertpianisten

Das Stück ist eine Variation und Weitertreibung der ersten „Parsifal“-Verwandlungsmusik aus der Feder von Wagners Schwiegervater Franz Liszt. Levit führt das im Haus für Mozart (es ist schon sein zweites Festspielkonzert in diesem Sommer) nicht als pathosgetränktes Ritterschreiten vor. Unendlich Zartes, Zerbrechliches hört man heraus, eine kalligrafische Miniatur, die von einer dynamischen Ballung in Dunkelgrau nur unterbrochen wird. Doch all das ist nur der Anlauf. Was dann folgt in diesem Programm, sind reine Grenzgänge. Pianistische Grüße aus Regionen der Maßlosigkeit, der Strukturensprengung, der Unspielbarkeit.

Und wieder eine Bearbeitung, diesmal eine doppelte: Ferruccio Busoni nahm sich einst die für Orgel geschriebene Fantasie und Fuge über den Choral „Ad nos, ad salutarem undam“ von Liszt vor, der seinerseits Motive aus Giacomo Meyerbeers „Le prophète“ aufgriff. Erneut Oper also. Aber kein Theater, wie Igor Levit zeigt. Natürlich ist man verblüfft von seinen manuellen Fertigkeiten, von der Technik, mit der die eigentlich zwölf bis vierzehn erforderlichen Finger ausgeglichen werden, auch von einer Angriffslust, mit der das Instrument fast überreizt wird. Was aber noch mehr imponiert: Trotz aller Offensivität bleibt da eine Rundung des Tons und des Klangs, auch ein Strukturbewusstsein, das lichtet, abwägt, reflektiert, schattiert selbst im größten Getümmel. Auch jetzt wieder kaum Pathos und, das ist fast entscheidender, kein Parfüm in  den  langsamen Teilen. Die  finale  Fuge wird bei Levit zum klarsichtigen Ereignis mit der Kraft einer Explosion. Und man erkennt spätestens nach der Pause, wie sehr dieser Busoni/ Liszt/ Meyerbeer hybrides Nachfolgewerk von Beethovens Opus 106 ist.

Die „Hammerklavier-Sonate“ hat Levit bereits eingespielt 

Die „Hammerklavier-Sonate“ hat Igor Levit schon aufgenommen und auch im Rahmen seiner Beethoven-Reihe in München gespielt. Immer mehr scheint er Abschied zu nehmen vom Äußerlichen, von der Brillanz. Levit interessiert sich – ob im ersten Satz oder, viel kleiner, mikrokosmischer im Adagio – für die Atmosphärenumschwünge, für die Kulissenwechsel. Ständig, das ist gerade im eröffnenden Allegro zu hören, wird das Geschehen zurückgeholt, um die große Expansion vorzubereiten und, vor allem das macht es so spannend, zu hinterfragen. Sehr übergreifend gedacht das riesige Adagio, in dem es, wenn alles in einen lichten Dreiertakt umschlägt, zu einem kostbaren, türaufstoßenden, jenseitigen Moment kommt.

Wie entmaterialisiert dann der Übergang zur gewaltigen Finalfuge, die (das ereignete sich schon vorher bei Busoni) den Hörer nicht überfährt, sondern zum Mitdenken, Mitverfolgen einlädt. Ein Abend wie geschaffen für Salzburgs Gala-Gemeinde. Die glaubt, sie dürfe Hochkulinarisches naschen, und verlässt den Saal glatt intellektuell bereichert.

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