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Debüt im Münchner Nationaltheater: Igor Levit spielte Rachmaninows Paganini-Variationen.

Konzertkritik

Münchner Akademiekonzert: Humor statt Macho-Pose

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Da sind sie sich einig: Pianist Igor Levit und Dirigent Kirill Petrenko führen vor, wie man Rachmaninow und Mahler von Aufführungsklischees befreit. Hier die Kritik zum Münchner Akademiekonzert:

München - Beziehungsreicher kann eine Zugabe nicht sein. Beim Debüt im Münchner Nationaltheater sich vor einem dort uraufgeführten Stück zu verbeugen, das hat Stil. Und zeugt von Ehrfurcht, zumal Igor Levit die Liszt-Bearbeitung des „Liebestods“ aus Wagners „Tristan und Isolde“ nicht als aufrauschendes Orchesterimitat spielt, sondern als bedachtsames, liebevolles Ertasten des Klangraums. Auch zuvor stellte sich dieser Pianist quer zur Aufführungstradition. Rachmaninows „Rhapsodie über ein Thema von Paganini“ kann man aus der Macho-Pose begreifen – oder wie Levit als delikate Humoreske.

Technisch ist dieser Mann ohnehin ein Meister des Paradoxen, des Verbindens von scheinbar Gegensätzlichem. Selbst im Hochtourigen behalten Tastensprints Profil und unforcierte Geschmeidigkeit, Impressionistisches leuchtet klar wie in der Morgensonne, Pointen werden nicht aufgedrängt, sondern wie mit vorgehaltener Hand (und umso wirkungsvoller) platziert. Stufenlos kann Levit in Ausdruck und Agogik umschalten. Wer Rachmaninow so spielt, befreit ihn vom – nicht unbegründeten – Klischee des Virtuosenfutters.

Levit trifft sich da mit Kirill Petrenko. Mahlers fünfte Symphonie, von anderen gern als Effekt-Parade genutzt, erfährt hier eine Umwertung. Die Interpretation eines Extremisten – das betrifft nicht nur Detailversessenheit, auch Tempokontraste und Farbaufträge. Petrenko dirigiert die Fünfte nicht als Bekenntnismusik, sondern führt eine überbordende Stoffsammlung vor, bei der sich Flieh- und Anziehungskräfte manchmal mühevoll die Waage halten.

Es ist ein Blick in Mahlers Kompositionsküche, eine frappierende Zutatenschau. Manchmal nimmt sich Petrenko dafür viel Zeit, um dann im Finale (in den dauernden Anläufen zur Apotheose ohnehin der problematischste Satz) über die Ziellinie zu stürzen. Erstaunlich rasch zuvor auch das Adagietto. Kein tränenseliges Intermezzo, sondern ein durchpulstes, schlichtes Lied ohne Worte. Auch wenn’s eine Binse ist: Auf welchem Niveau das Bayerische Staatsorchester dies alles realisiert, wie offensiv und risikolustig gerade in den Soli, verblüfft jedes Mal wieder. Kann sein, dass dieses Ensemble nie so gut gespielt hat wie jetzt. Aber wer kann schon knapp 500 Jahre überblicken.

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