Messert-Attacke am Rosenheimer Platz: Täter ist flüchtig

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„Ich bin gerade in einem eigenartigen Zustand – was soll jetzt noch folgen?“ Igor Levit, der 28-jährige Hannoveraner aus Russland, zählt zu den ungewöhnlichsten Pianisten unserer Zeit.

Igor Levit im Porträt

Der Ironman

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München - Bach, Beethoven und Rzewski: Ein Porträt über Igor Levit, dem das aufregendste Klavierprojekt der jüngeren Zeit glückte.

Eine spätabendliche Facebook-Mail von ihm, spontane Begeisterung über die neue „Pique Dame“-Aufnahme von Mariss Jansons, die er gerade hört, das kann bei Igor Levit schon mal passieren. Wie überhaupt dieser Mann, ob im Netz oder anderswo, gern Haltung zeigt – musikalisch, politisch, spontan, klug, dabei frei von Herz und Leber weg. Levit, der Omnipräsente, der Mann, der Informationen braucht und in sich aufsaugt wie andere Luft und Nahrung und darüber Kunde gibt: Sieht so der moderne, an allem teilnehmende, obsessiv interessierte Künstler aus?

Was für eine ungewöhnliche Pianistenkarriere, erst recht auf CD. Als Twen mit den fünf letzten Beethoven-Sonaten starten und dann mit den Bach-Partiten nachlegen, das ist schon eine Ansage. Erst recht sein aktuelles Projekt, für das eine Silberscheibe nicht mehr ausreicht. Bachs Goldberg-Variationen, Beethovens Diabelli-Variationen, dazu „The People united will never be defeated“ von Frederic Rzewski, ebenfalls ein Variationen-Zyklus (siehe Kasten): Dieses Triple ist der Ironman der Klavierliteratur. Das aufregendste Piano-CD-Projekt der jüngeren Zeit. Bei egozentrischen Naturen würde die Diagnose Hybris lauten. Weniger bei dem 28-jährigen, russischstämmigen Hannoveraner, dessen Mitteilungsbedürfnis und ansteckende Neugier sich eben auch im Musikalischen niederschlagen.

Rzewskis Wunderwerk begleitet Levit schon zwölf Jahre lang. Mit dem unbequemen, alles infrage stellenden, lebenshungrigen Komponisten ist er befreundet, mehr noch: „Ich erkenne mich in ihm wieder, und ich glaube, so ist es umgekehrt auch. Alles hat das bei mir geprägt.“ Kaum ein anderer traut sich überhaupt an die 36 Variationen über ein Revolutionslied heran. Als „unspielbar“ bezeichnen viele den knappen Einstünder. „Ich hasse dieses Wort“, ereifert sich Levit. „Frederic schreibt doch nicht etwas, damit es nicht gespielt werden kann!“

Auf jeden Fall ist das Opus das größte Abenteuer der modernen Klavierszene. Atemberaubend, unwiderstehlich, auf fast provozierende Weise mit den Stilen spielend, überwältigend und dringend zum Nachhören empfohlen. Erst recht, wenn es von Igor Levit gespielt wird. Das Auseinanderstrebende dieser Variationen treibt er mit bestechender, unanfechtbarer Technik noch weiter. Manches klingt nach schmucklosem, wie entkleidetem Pathos, anderes so, als ob sich die Musik gerade in ihre Bestandteile auflöst. Und in einer Nummer scheint es, als ob ein wahnwitziger Jongleur Bälle nach oben wirft – und völlig anders gefärbte und geformte zurückkommen.

Bevor das Thema am Schluss wiederkehrt, verlangt Rzewski eine Improvisation. Einmal, so erzählt Levit grinsend, ist er im Konzert einfach aufgestanden, um den Flügel herumgelaufen und zum Hocker zurückgekehrt. Auf der Aufnahme ist das natürlich anders. Da wirkt es so, als ob etwas aufreißt, sich etwas Merkwürdiges, Ungreifbares, Heftiges Bahn bricht, das man diesem freundlichen jungen Mann gar nicht zugetraut hätte. Spricht da der dunkle Igor?

„Das Stück ist doch wie ein gelebtes Tourette-Syndrom“, sagt Levit. Überhaupt treffe das auf viele Meisterwerke zu. Ein bisschen auch auf Beethovens Diabelli-Variationen, jedenfalls dann, wenn sie so gedeutet werden. Dass Levit von den Errungenschaften der Alten-Musik-Schule profitiert, hört man. Nichts ist hier nachgeahmt, kein „orchestraler“, imitierender Klang wird hergestellt, so wie ihn die ehrwürdigen Klaviermeister gerne pflegen. Levits Beethoven, erst recht sein Bach sind – oft mit ansatzloser Attacke und schlackenlosem Legato gespielt – pur, unverfälscht, vor allem, selbst im größten Furioso, immer bescheiden.

Dass Anton Diabelli anno 1823 sehr verblüfft, vor allem höchst irritiert gewesen sein muss, als ihm Beethoven diesen Variationenzyklus auf ein Thema des Musikverlegers zurückgab, das wird bei Igor Levits Interpretation fast körperlich spürbar. Und: Wo die Kollegen hie und da mit Witz um Wirkung buhlen, scheut Levit das Verbindliche. Keine Pointen-Parade gibt es, sondern einen direkten, mal zynischen, mal verbissenen Zugriff. Überhaupt Interpretation. Über all die Missverständnisse und falschen Erwartungen kann sich Levit wunderbar erzürnen. „Wenn ich schon höre, dass einer sagt, er spiele genau das, was Beethoven geschrieben habe.“ Wahnsinnig klug klinge das zwar, „aber vollkommen inhaltsleer“. Er jedenfalls, so Levit, verstehe sich nicht als Sklave des Komponisten. „Das Werk ist mir in meinem Leben Partner, es hilft mir, ich teile mich darüber mit. Selbstverständlich respektiere und befolge ich den Notentext so konsequent wie nur irgend möglich. Aber genauso spiegelt sich meine Persönlichkeit in der Interpretation eines Werkes wider. Wie soll es denn auch anders gehen?“

Ob Diabelli, Goldberg oder chilenisches Revolutionslied: Variationen, dieses Genre scheint Levit besonders zu liegen, dieses Spielen mit einer Aussage, das Umkreisen, sich Entfernen und nach Umwegen Zurückkehren. Drei Traumprojekte, gebündelt zu einer CD-Box – und nun? Gerade das ist das Problem, und da wird der Pianist auf einmal ganz nachdenklich. „Ich bin gerade in einen eigenartigen Zustand geraten. Was soll jetzt noch folgen? Diese Frage stelle ich mir dauernd.“ Er habe das starke Gefühl, wieder bei Null anfangen zu müssen. Lust auf Tabula rasa verspüre er, vielleicht verbunden mit einem Umzug. Auf die Bemerkung, er könne doch von seiner Heimatstadt Hannover wegziehen, erntet man freilich nur ein nachsichtiges Lächeln – nein, Niedersachsens Metropole müsse schon sein.

Sein Freund Rzewski hat Levit schon – halb ironisch, halb ernst – dazu geraten, doch mit dem Komponieren zu beginnen. Wie gut das ausgehen kann, hat dieser wilde Amerikaner ja nicht zuletzt selbst vorgeführt. Aber da, so gibt Igor Levit zu bedenken, stehe er vor einem entscheidenden Problem: „Ich koche genauso wie ich komponiere.“

Igor Levit:

„Bach, Beethoven, Rzewski“ (3 CDs, Sony); zwischen November und Juni spielt Igor Levit mit Julia Fischer in München Beethovens Violinsonaten, Telefon 089/ 822 61 91.

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