Ihre ureigene Norma

- Dreimal schlägt die Oberpriesterin den Gong, auf dass die Getreuen - alarmiert und hochgespannt zugleich - zusammenströmen. Und nicht viel anderes passierte, als Edita Gruberova vor einigen Jahren eröffnete, sie wolle sich nun aufmachen zur ultimativen Partie. Dabei ist Vincenzo Bellinis "Norma" in der Karriereplanung der Assoluta ein logisches Ziel: Nach dem Wechsel von der lyrischen Koloratur à la Rosina zu den wahnsinnigen Königinnen ist die Rolle nun ein weiterer Schritt ins Dramatische, mit dem man sich zugleich der Interpretationsgeschichte ausliefert. Denn wer die Norma prägt, der wird automatisch legendär.

Verständlich also, dass die Bayerische Staatsoper wegen der ersten szenischen Norma der Gruberova ins Zentrum der Musikwelt rückte: Wie wird die Einzigartige, hier sekundiert von Jürgen Rose (Regie/ Ausstattung) und Friedrich Haider (Dirigent), sich der herkulischen Aufgabe stellen? Es wurde, und das ist der tiefste Eindruck dieser Aufführung, Edita Gruberovas ureigene Norma. Eine, die sich nicht an Vorgängerinnen anlehnt, die mit ihren Mitteln auch neue Wege geht, bei der folglich Vergleiche mit Callas, Caballé´ und Co. im Grunde wenig bringen.

Assoziationen an Al Khaida

Anders als viele Belcanto-Heldinnen, die in die vokale Entäußerung getrieben werden, wenn sie in Verzierungssprints ihr Seelenleben offen legen, bietet Bellinis Priesterin kaum solche Momente. Am ehesten noch in der Cabaletta des ersten Akts. Und dass die von der Gruberova mit der ihr typischen, minutiös gestalteten, nie hohl brillierenden Kunst gesungen würde, war abzusehen. Weniger das vorherige "Casta Diva", das - allen Melos-Schlürfern zum Trotz - eben nicht der wichtigste Augenblick der Oper ist. Die Gruberova schien sehr bewegt, sang weniger ätherische Linien als mit großem Nach-, manchmal Überdruck, was auch die höhere Urfassung verursachte.

Eigentlicher Aktionsraum der Norma sind aber die Duette, vor allem die Szenen mit Adalgisa. Und hier wurde deutlich, dass Edita Gruberova nicht auf Überwältigung setzte, vielmehr auf eine verinnerlichte, durch Einsicht gereifte, resignierte Titelheldin zielte. Eine, die das Unvereinbare ihrer Situation längst begriffen und sich von der Beziehung zu Pollione verabschiedet hat.

Die Frage ist nur, ob für die Norma nicht ein anderer vokaler Zuschnitt, ein Sopran mit mehr Farben, mit "breiterer" Substanz adäquater gewesen wäre. Gewiss ist die Stimme der Gruberova noch immer von unvergleichlicher Ausstrahlung. Doch ihre eigentliche Domäne ist die kleinteilige Formulierung, das Unterbringen von möglichst vielen Dynamikwechseln und geschmackvoll eingesetztem, stets dramatisch motiviertem Stuckwerk auf einem Atembogen. Eine Kunst, die keine so beherrscht, für die sich indes bei der Norma wenige Betätigungsfelder eröffnen. Anders bei der Elisabetta ("Roberto Devereux") oder Lucia di Lammermoor mochten sich also jene Gänsehautmomente nicht immer einstellen, mit denen die Gruberova sonst bei 2000 Menschen Atemstillstand verursacht.

Womöglich spielte hier, auch bei manch tief geratener Passage, der Ausnahmezustand Premiere eine Rolle, sicherlich aber das Umfeld. Denn Jürgen Rose beschränkte sich eher aufs Arrangieren imponierender Tableaus. Das psychologische Feinzeichnen ist weniger seine Stärke, auch wenn in den Duetten intensive Momente gelangen. Immerhin stellte sich Rose ohne zu spektakeln in den Dienst des Stücks. Wobei das erste Bild - Speere hoch, Arme auseinander - an der Parodie vorbeischrammte, das letzte Bild dafür, mit einer einsam davonschreitenden Norma, eine überraschende Lösung war.

Weit aufgerissen, bis zu den Beleuchterbrücken, ist die faszinierende, ins Halbdunkel getauchte Bühne. Darauf ein Ritualplatz mit martialischen Speerbündeln und Opferstein. Normas enge Wohnung, eine gestauchte, auf der Seite liegende Pyramide, befindet sich darunter, die Doppelexistenz der Priesterin wird also, nach einer Verwandlung, durch die geteilte Szene symbolisiert.

Allerdings: Der in der Musik fast göttlich geschilderte Auftritt Normas nur durch die Kellerklappe, das hausfrauenhafte Verräumen des Messers im Opferstein, die aufs Stichwort im Reclamheft bewegten Chöre, das alles verwundert bei einem geschmackssicheren Profi wie Rose dann doch. Auch, dass er sich modernistisch vergaloppiert, die arabische Ästhetik der Gallier nicht nur Anspielung sein lässt, sondern Al-Khaida-Assoziationen platt serviert und damit die Druiden in die Terrorecke stellt - immerhin werden sie gerade von den Römern unterjocht.

Enttäuschend auch, dass aus dem Graben kaum dramatische Impulse drangen. Friedrich Haider blieb Bellinis Sachbearbeiter, gab dem Klang kaum rhythmische Prägnanz oder packendes Brio. Immer wieder sackte die Spannung - in fataler Harmonie mit der Szene - zusammen. Überdies passierten gern Lässigkeiten und tröpfelnde Einsätze, für eine Premiere an einem solchen Haus eigentlich indiskutabel.

Noch dazu, weil das Haus zur Gruberova keine Diven-Beilagen lieferte: Sonia Ganassi, fast ebenso gefeiert wie ihre Kollegin, ist eine großartige Adalgisa. Mit schöner, reichhaltiger Stimme, die im Lyrischen genauso wie im Auftrumpfen gehorcht, sich nur in Extremlagen verhärtet, dafür sonst mit apartem Silberschimmer versöhnt. Und für den Oroveso bot man gar Edel-Bassist Roberto Scandiuzzi auf, bei dem manch hingerissener Hörer wohl nach der großen Arie gierte. Dumm nur, dass Bellini für ihn gar keine geschrieben hatte . . .

Idealbesetzung für den Pollione

Zoran Todorovich (Pollione) wird als eine Art Fremdenlegionär vorgeführt. Als bockiger Testosteronprotz, der sich ständig in die Brust wirft, damit den Charakter des Kriegers klanglich untermauert. Gerade deshalb, weil er darstellerisch und vokal den Grobmotoriker gibt, ist Todorovich für den römischen Prokonsul eine Idealbesetzung - auch wenn das manchem nicht gefallen haben mag.

Bei Jürgen Rose mischten sich ebenfalls in den Beifall einige Buhs, erwartungsgemäße Ovationen gab's für die Gruberova, die mit der Norma ihre Karriere, eine der größten unserer Zeit, vervollständigte. Obwohl ihr ja der Platz im Sängerolymp auch ohne die Kraftanstrengung sicher gewesen wäre.

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