Nicht Wilhelm Tell, sondern Ulisse: Stefan Sbonnik, dahinter die dreifache Penelope (Jessica-Veronique Miller, Clara Corinna Scheurle und Pia Viola Buchert, v.li.). Jean-Marc Turmes

Theaterakademie August Everding

Monteverdis Ulisse: Der Mann aus dem Müll

München - Die Auswahl des Stückes ist gelungen: „Il ritorno d’Ulisse in patria“ von Claudio Monteverdi verlangt den Masterstudierenden der Theaterakademie August Everding im Fach Gesang viel ab, fordert heraus und bringt viel bei.

Zusätzlich bietet die ohne Instrumentierung, nur mit Gesangs- und Basslinie notierte Partitur reichlich Raum zum Ausprobieren, Umschreiben, Kürzen. Das hat Studiengangsleiter Joachim Tschiedel getan. Die Academia di Monaco extra spielt nicht nur neu arrangierte Musik nach Monteverdi. Sie schafft auch durch Geräusche eine zweite psychologische Ebene zum Bühnengeschehen. Da wird auf den Seiten gewürfelt, an Röhren geklopft oder unterm Steg gestrichen. Die Atmosphäre des Experimentellen ergänzt die karge Hinterbühne des Prinzregententheaters.

Der längliche Raum ist eine Hafenfabrik. Penelope sitzt an einer Nähmaschine und wartet verzweifelt auf die Heimkehr ihres Gatten. Die Götter Nettuno (Irakli Atanelishvili) und Minerva (Flore van Meerssche) sind in der Inszenierung von Martina Veh konkurrierende Aufseher des Hafenviertels, für die Ulisse zum Spielball ihrer Machtkämpfe werden soll. Telemachos leidet, weil Vater Ulisse (Odysseus) nicht da ist. All diese Probleme bleiben nur angedeutet. Wie der Einfall, dass der im Müll ankommende Ulisse von Minerva einen Pass kriegt. Warum dann der Hokuspokus mit dem Spannen der Armbrust als Erkennungszeichen?

Häufig ist der Zuschauer allein gelassen, tiefere Kenntnis des Stoffes ist anscheinend Voraussetzung. Wenn die Handlung unbedingt verstanden werden muss, sprechen die Sänger auf Deutsch. Warum singen sie dann in der Originalsprache? Gesungen wird auf hohem Niveau. Stefan Sbonnik schafft es, mit hellem Tenor der Titelpartie Tiefgang zu geben. Bavo Orroi spielt die Zerrissenheit des Telemachos mit jugendlicher Emphase, der sein kehliger, abgedunkelter Bariton schon entwachsen scheint. Penelope ist dreifach besetzt. Die Regie bleibt die Erklärung schuldig, ob das noch andere Gründe hat, außer dass gleich drei gute Mezzosopranistinen im Studiengang sind. Neben Pia Viola Buchert und Clara Corinna Scheurle fällt Jessica-Veronique Miller mit sattem, samtigen Mezzo auf. Stimmlich wie darstellerisch herausstechend: Andromahi Raptis’ Iro, für deren Verwandlung in ein dickes Ekelpaket den Kommilitonen vom Maskenbild extra Lob gebührt.

Maximilian Maier

Weitere Vorstellungen am Mittwoch und Freitag; Telefon 089/ 21 85 19 70.

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