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Bis eine Blut spuckt: Szene aus „Im Dickicht der Städte“ mit Jelena Kuljić (li.) und Gro Swantje Kohlhof. 

Christopher Rüping inszenierte „Im Dickicht der Städte“

Brecht an den Kammerspielen: Ausweitung der Kampfzone

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Christopher Rüping inszenierte „Im Dickicht der Städte“ von Bertolt Brecht an den Münchner Kammerspielen. Am Samstag war Premiere. Lesen Sie hier unsere Kritik: 

Im Sterben nehmen sie ihm sogar die Worte. Machen ihn erst noch mundtot, bevor er sein Leben aushaucht. Als die „Lyncher“ eindringen, darf Shlink, der einst mächtige Holzhändler Chicagos, nicht einmal mehr seine letzten Sätze sprechen: Christian Löber trägt auf der Bühne der Münchner Kammerspiele Shlinks finalen Dialog mit Marie, der Schwester seines Kontrahenten Garga, vor – ebenso wie die Regieanweisungen. Einsamer kann man kaum verrecken.

Christopher Rüpings „Dionysos Stadt“ wurde „Inszenierung des Jahres“

Es ist der starke Schluss eines Theaterabends, der viele starke Bilder findet für die Geschichte, die Bertolt Brecht (1898-1956) erzählt. Christopher Rüping, der dem Haus an der Maximilianstraße in der vergangenen Spielzeit mit dem Antikenprojekt „Dionysos Stadt“ die „Inszenierung des Jahres“ bescherte und dafür auch als „Regisseur des Jahres“ ausgezeichnet wurde, hat sich nach „Trommeln in der Nacht“ nun erneut mit einem frühen Werk des Autors beschäftigt. Am Samstag war die Premiere seiner Interpretation des 1927 uraufgeführten „Im Dickicht der Städte“.

Der „unerklärliche Ringkampf zweier Menschen“ steht in dessen Zentrum. Eine Auseinandersetzung, die nicht nur den Holzhändler Shlink und den von ihm erwählten Gegner, den Bibliothekar Garga, vernichtet, sondern auch deren Familien, Geschäfte, das ganze Viertel. Nur in der Konfrontation scheinen die beiden ihre Einsamkeit überwinden zu können. Denn Sprache reicht zur Verständigung nicht mehr aus. Brecht zeigt den Krieg Mann gegen Mann als letzten Versuch der Menschen, in Kontakt zueinander zu treten. Dazu hat er, der begeistert vom Boxsport war, sein Stück in elf Runden unterteilt. Rüping und Dramaturgin Valerie Göhring lassen zwar manche aus, stellen andere um oder fassen sie zusammen – stets eröffnet jedoch in den atmosphärisch dichten zwei Stunden ein Gong den nächsten Durchgang in diesem ultimativen Fight.

„Im Dickicht der Städte“ spielt 1912

Angesiedelt ist er im Jahr 1912 in Chicago, Symbol für die anonyme Großstadt. Dass Brecht Grundsätzliches, stets Gültiges verhandelt, macht Rüping allerdings bereits in seinem Prolog klar. Neonröhren bringen kaltes, nicht-einladendes Licht ins Foyer des Schauspielhauses. Unter den Premierengästen befinden sich Gro Swantje Kohlhof und Christian Löber, jeweils in einer Zorb-Kugel: mittendrin im Gedränge und dennoch total allein. Übers Smartphone – die Displayanzeige wird auf Bildschirmen ausgespielt – versuchen sie, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Virtuell vernetzt, doch einsam in der eigenen Blase.

Ja, das sind platte Bilder. Ein Glück, dass es die einzigen bleiben. Der Regisseur und sein Ensemble laden die Inszenierung mit Mehrdeutigkeit und Poesie auf – und zeigen dennoch, wie viel der Stoff mit uns zu tun hat. Da sind etwa Jelena Kuljić und Kamerafrau Lilli-Rose Pongratz zu Beginn im Publikum unterwegs. Die Bilder der Menschen, die sie filmen, werden auf die Bühne projiziert,  derweil Julia Riedler die Gezeigten zunächst sehr liebevoll beschreibt, um ihnen dann kleine, ausgedachte Lebensläufe anzudichten: „Ich sehe wen, den ihr nicht seht.“ Diese zarten, verspielten Miniatur-Biografien haben nichts Bloßstellendes, sondern machen auf wundervolle Art deutlich, dass letztlich in jedem Menschen der Wunsch steckt, wahrgenommen zu werden.

Die Rollen wechseln an diesem Abend ständig

Nichts anderes treibt Holzhändler Shlink und seinen Gegner Garga an, die sich fortan bekriegen. Oder, in ihren Worten: „Wir müssen eine Form der Begegnung wagen, die sich hinter der Sprache, hinter den Worten, hinter den Phrasen ereignet.“ Jonathan Mertz hat dafür die Bühne mit Rollcontainern vollgestellt, hieraus holen sich die Figuren, was sie gerade benötigen. Mehr Verwurzelung gibt es in der Arena des Lebens nicht, weil „wir Vorläufige sind/ und nach uns wir kommen: nichts Nennenswertes“, wie es Brecht einst in seinem Gedicht „Vom armen B.B.“ formulierte.

Die Rollen wechseln ständig zwischen den fünf Schauspielerinnen und Schauspielern. Dabei verliert das Ensemble, das harmoniert und mit enormer Spiellust überzeugt, allerdings nie den Erzählfaden, der virtuos Kampf, Komik und Klarheit in der Aussage verwebt. Sogar kleine Momente der Hoffnung, Rettungsinseln in der unendlichen Einsamkeit gestattet Rüpings Inszenierung, etwa wenn sich unter der weißen Steppdecke alle sehr, sehr nahe kommen: Keiner soll allein bleiben, auch die Zuschauer in den ersten Reihen sind eingeladen mitzutun, als sich wie zufällig das weite Tuch über ihre Köpfe legt („Ist alles im Eintritt inkludiert“).

Doch selbst solche utopische Fluchten bringt der Mensch zum Scheitern. Und was als Hoffnung auf ein freies, gleiches, lustvolles Miteinander begann, ist nichts anderes als die Ausweitung der Kampfzone. Ein paar  Buhs  für  die  Regie; langer, heftiger Applaus.

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