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„Der Boxer“ spielt 1937 in Warschau – doch im Hintergrund der Geschichte deutet sich die Besetzung Polens durch die Deutschen an.

Szczepan Twardochs neuer Roman „Der Boxer“

Im Reich des Paten von Warschau

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„Der Boxer“, der neue Roman des polnischen Schriftstellers Szczepan Twardoch, schillert faszinierend zwischen Mafiathriller, Fakten und historischer Fantasie. Lesen Sie hier unsere Kritik:

Es war ein alter Brauch am Vorabend von Jom Kippur, dem jüdischen Versöhnungstag. Zum Kapparot starb ein Hahn oder eine Henne und nahm die Sünden des Menschen mit. „Dieser Hahn geht dem Tod entgegen, ich aber gehe einem guten Leben und Frieden entgegen“, heißt es im Gebet zur Opferung.

Szczepan Twardoch

Ein Stellvertreter-Tod. Und ein starkes Motiv, das „Der Boxer“ durchzieht, den neuen Roman des polnischen Autors Szczepan Twardoch. Doch hier stirbt kein Tier, sondern ein Mensch: Naum Bernstein, ein frommer Jude, wie es an einer Stelle heißt, „der all jene Schrecken, die später alle zu Gesicht bekamen, nicht mehr sehen musste, denn er hatte seinen eigenen, privaten Schrecken erlitten, die durchschnittene Kehle, den gevierteilten Körper, wie der Hahn zum Kapparot.“

Mit „Morphin“ feierte Twardoch den Durchbruch

Twardoch, Jahrgang 1979, hat ein faszinierendes, spannendes, schillerndes Buch vorgelegt. „Der Boxer“, angesiedelt im Warschau des Jahres 1937, ist Mafiathriller und blutige historische Erzählung zwischen Fakten und Fantasien; ist Räuberpistole und vielschichtiger Roman, strotzend vor Lebenslust, Todesangst, Verzweiflung, Eifersucht und Verrat.

Wie virtuos der Autor, der seinen Durchbruch mit „Morphin“ feierte (2014 auf Deutsch erschienen), seine Geschichte komponiert hat, wie geschickt er mit Motiven spielt, zeigt die Schilderung des Todes von Naum Bernstein. Als dieser Durchschnittsmensch das Schutzgeld erneut nicht zahlen kann, schickt Kaplica, der Herrscher über Warschaus Unterwelt, Jakub Shapiro. Er ist nicht nur ein schöner, kräftiger Jude, ein Frauenschwarm und der hoffnungsvolle Boxer, der dem Roman seinen Titel gibt. Shapiro ist Kaplicas Mann fürs Grobe – und Twardoch zögert nicht, davon zu erzählen.

Doch die Brutalität ist ihm nie Selbstzweck. Die Ermordung Bernsteins nimmt nicht nur die Shoah vorweg, „all jene Schrecken, die später alle zu Gesicht bekamen“. Bernsteins Sterben bedeutet zugleich die Rettung seines Sohnes Mojzesz, den uns Szczepan Twardoch als Erzähler der Geschichte präsentiert. Nachdem er die Bluttat vollbracht hat, nimmt sich Shapiro des 17-jährigen Halbwaisen an. Er lässt ihn bei sich und seiner Familie wohnen, lässt ihm einen anständigen Anzug schneidern, bringt ihm das Boxen bei, nimmt ihn mit ins Bordell und macht ihn schließlich zu seiner rechten Hand. Aus dem Burschen wird nach und nach ein respektierter Mann in Kaplicas Clan. Kurz: „Jakub Shapiro hat Naum Bernstein die Kehle durchgeschnitten, um das Leben von Mojzesz Bernstein zu retten.“

„Der Boxer“ spielt 1937 – und 50 Jahre später

Es ist ein böses Dilemma, in das der Autor seinen Erzähler stürzt. Der Bursche weiß, dass der Mann, der seinen Vater getötet hat, für ihn die einzige Möglichkeit ist, eben nicht ein Dasein als Opfervieh führen zu müssen. Nur durch Shapiros Tat kann Mojzesz das Leben seines Vaters hinter sich lassen, kann heraustreten aus der Unsichtbarkeit. Der Mord befreit ihn aus der Gruppe jener Juden, die stets erdulden – und zu erdulden gab es mehr und mehr für die Israeliten in jenen Jahren in Warschau. Mojzesz aber, in seinem maßgeschneiderten Gewand, kann selbstbewusst sagen: „Ich war ein Mann Shapiros.“

Twardoch nutzt in „Der Boxer“ zwei Zeitebenen. Denn aufgeschrieben wird die Geschichte 50 Jahre später in Israel, von einem Ex-Militär, der sich (vorerst) Mojzesz Inbar nennt und sich erinnert an jene Jahre in Polen. Doch so unsicher das Leben für jüdische Warschauer 1937 bereits war, so unsicher ist letztlich die Identität dieses Berichterstatters.

„Der Boxer“ ist bei Rowohlt Berlin erschienen.

„Der Boxer“ ist ein sprachlich dichter Roman. Wie in den Vorgängern ist Twardoch wenig zimperlich in seinen Schilderungen. Durch seine Schreibe pulsiert eine geradezu fleischliche Körperlichkeit, die Sätze sind kantig und klar. Doch umgeht der Schriftsteller, der sich zur Minderheit der polnischen Schlesier zählt, geschickt all jene Klischeefallen, die sich gerade jenem verlockend darbieten, der über Mafia und Unterwelt, Boxen und Bordelle schreibt. Geschult ist der Stil des in der Nähe von Katowice geborenen Autors am Film und dessen Schnitttechnik. Da sich seine Erzählung auch auf die polnische Geschichte stützt, empfiehlt es sich, die Lektüre des Nachworts von Olaf Kühl vorzuziehen: Der Übersetzer schildert hier jene historischen Gegebenheiten der sogenannten Zweiten Polnischen Republik (1918-1939), die die Kulisse des Romans bilden. Die große Konfliktlinie zwischen katholischen und jüdischen Warschauern ist bereits herauszulesen aus jenem Boxkampf zwischen Shapiro und seinem Kontrahenten Andrzej Ziembiński, mit dem Twardoch sein bemerkenswertes Buch eröffnet. Im Ring und auf den Zuschauerrängen sind die politischen Umbrüche spürbar – und ziehen den Leser tief hinein in die Geschichte.

Der Wal als Motiv – wie in „Moby Dick“

Über dieser schwebt symbolisch ein Pottwal, auch er ein wiederkehrendes Motiv des Autors. Nur der Erzähler bemerkt das Tier, „Litani“ nennt er es (ein Verweis auf die gleichnamige Operation der Israelis 1978 im Libanon). Wie in Herman Melvilles „Moby Dick“ steht dieser Räuber der Meere für die Allmacht der Natur. „Litani sang von seiner Macht und seiner Gewalt aus der Tiefe.“ Eine Gewalt, die nach dem 1. September 1939 ohne Gnade über Polen, Warschau, seine Menschen und Twardochs Figuren hereinbrechen wird.

Informationen zum Buch:

Szczepan Twardoch: „Der Boxer“. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Rowohlt Berlin, 460 Seiten; 22,95 Euro.

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