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Eine Singdarstellerin von außerordentlichem Format: Catherine Naglestad als Carlotta.

„Die Gezeichneten“ bei den Münchner Opernfestspielen

Im Schreker-Garten verirrt

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Krzysztof Warlikowski inszenierte Franz Schrekers „Die Gezeichneten“ für die Münchner Opernfestspiele. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik: 

München – Gut, schauen wir eben Film. „Phantom der Oper“, „Nosferatu“, „Frankenstein“ und, am allereindrücklichsten, „Der Golem“. Lange dauert dieses Zaunpfahlwinken, Minuten, in denen Franz Schrekers Musik zur Untermalung und das Personal an der Rampe, für das sich bald keiner mehr interessiert, zur Beilage geworden sind. Das ist dumm, das sind nämlich die Sänger. Und längst haben die Gäste der ersten großen Münchner Opernfestspiel-Premiere begriffen: Auch die Antihelden dieser Schwarz-Weiß-Klassiker haben einen Makel, sind Ausgestoßene, Geächtete, liebende, nie geliebte Besonderlinge, auch wenn sie vielleicht nicht so aussehen wie Alviano in dieser Inszenierung, der immer ein wenig an Thomas Gottschalk nach einem schweren Allergieschub erinnert.

Wie die Filme so stammt auch Schrekers „Die Gezeichneten“ aus den Zwanziger-/ Dreißigerjahren, in denen sich Kunst mit Erotik, Obsessivem, Abstoßend-Anzüglichem auflud und ihre Protagonisten, ob Schöpfer oder Objekt, viel mit Dr. Freud und seiner Couch zu tun haben. Hohe Zeit wurde es, dass dieser Komponist an der Bayerischen Staatsoper gespielt wird. Wie an den meisten Häusern und besonders am weißblauen stammen schließlich Werke dieser Zeit vor allem vom alles dominierenden Richard Strauss, der diese Themen in Süffigkeit und Brillanz tunkte bis ertränkte.

Sich den Wucherungen von Schrekers Bezügen zu stellen, sie einzuordnen und zu gewichten, keine leichte Sache ist das. Krzysztof Warlikowski, in München schon mit Strauss’ „Frau ohne Schatten“ aktiv, erliegt den Verlockungen, schlimmer: startet eine bombastische Assozationsoffensive, die eine gar nicht so komplizierte Grundkonstellation (Sonderling baut sich Parallelwelt, erfährt erste echte Liebe und muss sich dem Nebenbuhler geschlagen geben) unter sich begräbt. Je mehr passiert, desto größer wird der Leerlauf. Sicher: Man erfährt an diesem bildnerisch auskrakenden Abend viel über die Zeit, über Themen, Emotionen und Historisches, über all das, was mitschwingt und subkutan spürbar ist in der Musik oder in Schrekers eigenem, manchmal so querständigem Text.

Machos, die ihren Hormon-Überdruck ausleben mit Whisky, Frauen oder Boxkämpfen

Im hohen, trutzigen Jugendstilraum von Malgorzata Szczesniak, der Palast, Herrenclub, Hotelfoyer, Klinik oder alles zusammen sein könnte, raunt Warlikowskis schwüle Szenensprache vor allem von männlichen Obsessionen. Von Smoking-Machos, die ihren Hormon-Überdruck ausleben mit Whisky, gelieferten Frauen oder Boxkämpfen. Von familiären Abgründen, wenn sich in einem Video Papa, Mama, Töchterlein mit Rattenköpfen in Wohnzimmerspießigkeit begegnen. Und von einer kühlen Frau, Anbetungsobjekt und Strippenzieherin, eine Divengöttin. Das ist nicht unbedingt bei Schreker so angelegt, da darf sich Warlikowski bei Catherine Naglestad bedanken, einer Singdarstellerin von außerordentlichem Format.

Ihre Carlotta ist, auch klanglich, eine Geheimnisumwölkte, die sich mit Strenge und Sprödheit panzert gegen das Sichselbstverlieren. Und wenn es passiert, erlebt man eine Dramatik, herb, groß und schön, die auch in der Eruption zu 100 Prozent reflektiert ist. Von ähnlichem Kaliber John Daszak. Ist’s sein Werk oder das Warlikowskis: Alviano wird weder an die Groteske noch ans Weinerliche verraten. Man ahnt, dass dieser Mann ein ebensolcher skrupelloser Mitspieler im Männerclub wäre – würden ihn nicht die Gesichtswucherungen (ein Zitat aus dem „Elefantenmenschen“) daran hindern. Daszak singt das mit einer gleißenden, flexiblen Attraktivität, die zur virilen Härte von Christopher Maltman (Tamare) sinnfällig kontrastiert. Nach der Pause spricht Alviano einen hybriden, zynischen Monolog, der ihn als Wiedergänger Schrekers im eigenen Stück outet – auch das noch.

Luxuriöse Musterbesetzungen auf vielen Positionen

Auf den anderen, so vielen Positionen ebenfalls luxuriöse Musterbesetzungen, alle Charakterformer von hohen Graden, zum Beispiel Alastair Miles (Lodovico), Tomasz Konieczny (Adorno) oder auch Heike Grötzinger als Martuccia. Ingo Metzmacher tut das einzig Richtige: Er erliegt nicht dem verführerischen Oszillieren, er koordiniert, lotst, lichtet. Metzmacher ist einer der wenigen Dirigenten, der erspürt, wie sich Details zu den makrokosmischen Kraftfeldern einer solchen Partitur verhalten. Anfangs ist er zu laut, blendet aus, dass Schreker – bei aller Komplexität – auch Konversationsmusik ist. Doch dann stellt sich das Gefühl ein, einer völlig natürlichen, selbstverständlichen Interpretation zuzuhören. Dass das Bayerische Staatsorchester seine Klangsinnlichkeit beisteuert, seine erdige Wärme und seine kraftvolle Substanz, muss dazu gar nicht im Gegensatz stehen, es ist eine wunderbare Symbiose. Seit einiger Zeit ist der ehemalige Hamburger Generalmusikdirektor ja ohne Opernjob – ob das gar ein groß angelegtes Vordirigat war für die Münchner Zeit ab 2021?

Ingo Metzmacher ist reflektierter Lotse

Was der Metzmacher dem Regisseur Warlikowski voraus hat, wird überdeutlich. Hier der reflektierte Lotse, dort der fast manische Bild-Erfinder. So überbordend wird das, dass Warlikowski im letzten Drittel die Luft ausgeht. Während die Kino-Meisterwerke zu sehen sind, werden die Protagonisten an der Rampe auf sich selbst zurückgeworfen. Zum Kulminationspunkt des Dramas, wenn Tamare den (von ihr so gewollten?) Liebesmord an Carlotta gesteht, fällt dem Regisseur nichts mehr ein außer Oratorisches vor Ratten-Phalanx. Immerhin zwei Dinge nimmt man aus dem lau aufgenommenen Abend mit. Schreker ist nicht so verworren, wie uns die Regie glauben machen will. Und: „Golem“ oder „Nosferatu“ sollte man sich dringend mal wieder gönnen.

Informationen:

Weitere Aufführungen am 4., 7. und 11. Juli; Telefon 089/ 2185-1920.

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