Immendorff-Grafiken zum ersten Mal komplett zu sehen

- Aachen - Zum ersten Mal weltweit ist das komplette grafische Werk des Düsseldorfer Malers Jörg Immendorff in einer Ausstellung zu sehen. 320 Originalgrafiken und mehr als 200 Stempeldrucke sowie Buch-Cover-Entwürfe werden im Aachener "Eurogress" gezeigt, darunter einige noch nie ausgestellte Bilder.

"Wir bringen das gesamte Werk", sagte Kurator Dirk Geuer am Freitag. Der schwer kranke 61-jährige Künstler kam entgegen den Erwartungen aus gesundheitlichen Gründen nicht zur Eröffnung nach Aachen.

"Es wäre das erste Mal gewesen, dass er sein gesamtes grafisches Werk sieht. Er hat sich das gewünscht", sagte Geuer. Zu der Schau "Immendorff - das grafische Werk 1968-2006" (bis 3.9.) werden über 30 000 Besucher erwartet. Immendorff gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler in Deutschland. Er war im Jahr 2003 wegen eines Sex- und Drogenskandals in die Schlagzeilen geraten.

Akzente setzen die bekannten und wichtigsten Zyklen "Café Deutschland" (1977-83) - eine Auseinandersetzung mit der Teilung Deutschlands - "Café de Flore" und "The Rake's Progress" in Anlehnung an die gleichnamige Oper von Igor Strawinsky über den Abstieg eines Lebemanns.

"Die Ausstellung war längst überfällig", sagte Geuer, der seit 15 Jahren mit Immendorff zusammenarbeitet. Anlässlich der Schau erscheint das erste grafische Werkverzeichnis. Die Grafiken bestehen aus Linoldrucken, Radierungen, Lithografien, Fotografien und Siebdrucken.

Die Präsentation auf 1500 Quadratmetern spiegelt den politischen Menschen, den Lebemann, Künstler, den kreativen Kopf mit der Neigung zur Selbstironie: Immendorffs Markenzeichen in der symbolhaften Selbstdarstellung, der Maleraffe und die Malerbiene, sind markant. Die Ausstellung ist eine Begegnung mit bekannten und unbekannten Seiten des Künstlers. Fast alle Bilder stammen aus Sammlungen. "35 Prozent der Bilder sind nie in einer Auflage erschienen", sagte Geuer.

Dazu gehört etwa "Anbetung des Inhalts" mit der Darstellung der "großen Diktatoren": Trotzki, Mao, Lenin und Stalin stieren ins Glühlampen-Licht, Hitler in den einfachen Schein einer Kerze. Ein Schatz ohne Auflage auch "Best Artist after War". In einer fünfteiligen Charakterdarstellung zeigt Immendorff seine Künstlerfreunde Georg Baselitz, A.R. Penck, Per Kirkeby, Markus Lüpertz und sich selbst. "Ich würde die Arbeiten gerne verlegen. Aber die Platten sind nicht mehr da", sagte Geuer.

Immendorff sei jeden Tag im Atelier. Malen könne er nicht mehr, "aber er delegiert". Der Künstler leidet an der tödlichen Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Die Bilder zu seinem Leiden gehören wohl zu den ausdrucksstärksten. Als der Linkshänder merkte, dass mit seiner Hand etwas nicht stimmte, schuf er das Bild "Was ist mit der Malerhand" - ein dunkles Bild mit verbundener linker Hand an Pinsel und Palette.

Im Jahr 2000, nach der Diagnose ALS, entstand der "Steinarm": Ein schwarzer unbeweglich scheinender Arm mit rotem Entzündungsherd. "Die Ärzte hatten ihm noch bis 2003 gegeben", sagte Geuer. "In der Flasche gefangen" ist ein Bild aus dem vergangenen Jahr: Immendorff in der Urinflasche hebt zum Gruß seine Hand.

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