Für immer das junge Mädchen

- "Anne machte aus jeder Gelegenheit etwas ganz Besonderes. Nie wieder bin ich jemandem begegnet, der das Leben so auskostete wie meine Freundin Anne. Ich genoss ihre herzliche Zuneigung und war ihr eine so gute Freundin wie möglich." Jacqueline van Maarsen, eine Frau von Mitte siebzig, erinnert sich an ihre Kindheit, an ihre Jungmädchenzeit, an das Jüdische Lyzeum in Amsterdam, an die vielen deutschen Soldaten im Land, an jene Menschen, die bereit waren, für ein paar Gulden andere zu verraten _ und sie erinnert sich bei alldem an die zierliche Deutsche: an Anne Frank. Als "Jopie" hat Anne ihre Schulfreundin und intime Vertraute in Mädchendingen in ihrem weltberühmten Tagebuch verewigt.

<P>"Sie war sehr neugierig."<BR>Jacqueline van Maarsen</P><P>Jetzt, da Anne Frank morgen 75 Jahre alt geworden wäre, hat die Halbjüdin Jacqueline van Maarsen ihre Autobiografie veröffentlicht. Klar, dass Anne darin großen Raum einnimmt ("Ich heiße Anne, sagte sie, Anne Frank". S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 221 Seiten; 17, 90 Euro).</P><P>Ein Buch, das dem Leser das Unfassbare plastisch und leicht vor Augen führt; das schaudernd deutlich macht, wie unmittelbar tägliche Bedrohung, permanente Angst und kindliche Lebensfreude nebeneinander liegen. Der schizophrene Wahnsinn einer unmenschlichen Zeit. Jedes Buch, das davon erzählt, ist ein notwendiges Buch. Und jeder Gedenktag, der daran erinnert, muss genutzt werden. So auch der Geburtstag Anne Franks, die durch ihren frühen Tod - im März 1945 wird sie, noch nicht einmal 16 Jahre alt, im KZ Bergen-Belsen ermordet - für die Welt immer das junge Mädchen bleiben wird, das sie war, als sie 1942 bis 1944 im Hinterhofversteck ihr berühmt gewordenes Tagebuch verfasste.</P><P>Anne Frank wird am 12. Juni 1929 in Frankfurt geboren. Als Hitler an die Macht kommt, flüchtet die Familie nach Amsterdam, wo der Vater Otto Frank sich ein neues Geschäft aufbaut. Doch nach dem Einmarsch der Deutschen im Mai 1940 sind Juden auch dort nicht mehr sicher. Die Eltern bereiten von langer Hand vor, gegebenenfalls untertauchen zu können. Die einzige Möglichkeit, um zu überleben.</P><P>Als Anne am 12. Juni 13 wird, bekommt sie das berühmte, nach dem Krieg in mehr als 50 Sprachen übersetzte Tagebuch geschenkt. Beim Kauf sei sie dabei gewesen, berichtet sie in ihrem zweiten Eintrag - zwei Tage nach ihrem Geburtstag. Zuvor vertraut sie dem Tagebuch an: "Ich hoffe, du wirst mir eine große Stütze sein."</P><P>Und das wird das unscheinbare Buch tatsächlich. Am 5. Juli 1942 erhält Annes ältere Schwester Margot einen Aufruf von der SS. Die Familie verschwindet am Tag darauf in das lang vorbereitete Versteck über der Firma ihres Vaters, die mittlerweile an Niederländer übergeben wurde. Mit einer anderen, befreundeten Familie und einem Freund beginnt ein Leben von acht Menschen auf engstem Raum. "Het achterhuis" will Anne ihre Aufzeichnungen später gerne nennen. Unter diesem Titel wird auch ihr Tagebuch erstmals 1947 veröffentlicht.</P><P>Das Hinterhaus, in dem sich die Franks verstecken, ist alles andere als komfortabel. Dennoch notiert Anne: "Wenn es auch feucht ist und ein bisschen krumm und schief, wird man wahrscheinlich kaum nochmal so etwas Komfortables in Amsterdam finden, vielleicht in ganz Holland nicht." Wie Recht sie behalten soll; denn von dort geht es zwei Jahre später direkt in den Tod.</P><P>Tatsächlich führt das enge Aufeinanderhocken der acht Menschen zu Zänkereien. Und die lebhafte, redelustige Anne fühlt sich oft nicht richtig verstanden. Sie bewahrt sich aber ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Nach dem Krieg will sie Schriftstellerin oder Journalistin werden. In der Realität des Lebens im Hinterhaus der Prinsengracht 263 sieht das allerdings anders aus. Anne setzt zwar ihre kindliche, pubertäre Hoffnung gegen die Atmosphäre der Angst. Aber Konflikten, vor allem mit ihrer Mutter, kann sie nicht aus dem Weg gehen. So vertraut sie ihrer fiktiven Freundin "Kitty" an, an die sich die Eintragungen im Tagebuch richten: "Sie weiß noch nicht mal, wie ich über die normalsten Dinge der Welt denke."</P><P>Mehr als zwei Jahre kann die Familie mit den vier Freunden in dem Versteck überleben, das nur durch einen drehbaren Aktenschrank zu betreten ist. Dann erfolgt am 4. August 1944 der Verrat. Die Familie Frank wird ins Konzentrationslager gebracht. Nur Annes Vater überlebt und kann später das Tagebuch seiner Tochter herausgeben. Die Mutter kommt in Auschwitz um. Anne und Margot sterben im März 1945 in Bergen-Belsen.</P>

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