Immer der Linie nach

- Er hätte ein Bonvivant sein können, der als Spross von altem Adel nur Müßiggang pflegt, irgendwann standesgemäß heiratet und nach wilden Pariser Jahren geruhsam auf seinen ländlichen Gütern altert. Henri Marie Raymond de Toulouse-Lautrec-Monfa aber wurde berühmt. Erbschäden, Knochenbrüche in der Kindheit, die nie richtig heilten und die Kleinwüchsigkeit beförderten, - und ein großartiges Talent stießen den jungen Mann aus der Blaublüter-Bahn. Er, am 24. November 1864 in Albi geboren, arbeitete 20 Jahre wie besessen als bildender Künstler, schuf in nur zehn Jahren ein gigantisches grafisches uvre von über 350 Werken. Nur 36-jährig starb Henri de Toulouse-Lautrec, zerstört von Schlaganfällen und Suff, am 9. September 1901.

<P>Das ganze grafische Werk</P><P>Diese Explosion auf dem Gebiet der Druckgrafik, befördert durch die fabelhaften Möglichkeiten der Lithografie (Steindruck), ist das Zentrum der Ausstellung "Toulouse-Lautrec" in der Münchner Hypo-Kunsthalle, kuratiert von Götz Adriani, Tübingen, und Direktor Johann Georg Prinz von Hohenzollern. Man konnte die berühmte Sammlung Otto Gerstenberg ausleihen, der noch vor dem Ersten Weltkrieg das komplette grafische Lautrec-Konvolut erwarb. Nur die "Elles"-Mappe kommt aus der Staatlichen Graphischen Sammlung, München, denn die Gerstenberg-"Elles" sind gerade in der Kunsthalle Tübingen zu sehen. Ergänzt wird das überwältigende Panorama des Pariser Lebens der Belle Epoque von 30 Ölstudien, Zeichnungen und Gemälden, die in München noch nie präsentiert wurden.<BR><BR>Deswegen ist es möglich zu erleben, wie Lautrec seine spezielle "Sprache" entwickelt hat. Die frühen Bilder belegen, dass sich das Malerische bei ihm aus dem Strich ergibt. Es ist gewissermaßen eine farbig verdichtete Zeichnung. Im ersten Saal der Schau sieht man belanglose, entfernt-impressionistische Malversuche von 1880 - seine Mutter zum Beispiel, diverse Reiter. Und dann, zwei Jahre später, dieser hingepeitschte Strich. Elegant zwar die "Comtesse É´milie" mit dem Halbschleier, harmonisch zwar der "Junge Routy" in all den heiteren Blautönen, aber dennoch fetzen über beide diese brutalen Strich-Schläge hinweg. Es ist die Linie, die Henri de Toulouse-Lautrec auf den richtigen künstlerischen Weg führen wird.<BR><BR>Mit ihr erklärt er sich den Menschen und sein Wesen; mit ihr akzentuiert er Gesichter, Körper, Seelen, Charaktere, aber auch die Stimmung, das Flair in einem Raum; und mit ihr - das ist vielleicht das Wichtigste - erobert er sich Gemälde und Grafiken gleichermaßen. Erstere entstehen, indem er Striche wie Flechtwerk verdichtet. Zweitere, indem die Linie Lautrec herausfordert, sich mit den Leerräumen auseinander zu setzen, die sie umgrenzt. Der Künstler wagte sich also an die Flächigkeit, an homogene Farbfelder, ermutigt von japanischen Holzschnitten und den praktischen Anforderungen der Plakatkunst.<BR><BR>1891 war er gebeten worden, für das Moulin Rouge ein Plakat zu entwerfen. Toulouse-Lautrec revolutionierte die "Fresques du Trottoir", wie Arsè`ne Alexandre die öffentliche Reklame nannte. Ein Band schwarzer Silhoutten halbiert das Bild. Darüber die Schriftblöcke. Ganz im Vordergrund riesig als Halbfigur die graue Gestalt des grotesken Tänzers Valentin de Dé´sossé´. Die Mitte beherrscht als heller Wirbelwind La Goulue, die sich dreht, dass man nicht nur die bestrumpften Wadeln sieht, sondern auch die weiße Rüschen-Unterhose. Die Spritztechnik ließ außerdem Durchlässigkeit, "Überblendungen" und feine Farbnuancen zu. Die Atmosphäre der Cabaret-Unterhaltung, also eines eher ungezügelten Amüsements, bei dem der brave Bürger Dampf ablassen durfte, fing der Künstler immer  besser  ein:  <BR><BR>Stars des Cabarets</P><P>Im  Cancan schmeißt Jane Avril (1893), ein anderer Star der Zeit, die Beine hoch, während sich mächtig Hals und Schnecke eines Basses ins Bild schieben. Zusammen mit der Faust des Musikers, seinem fragmentarisch markierten Kopf und dem angedeuteten Notenblatt wird die fetzige Musik fast hörbar.<BR><BR>Dieses Lebensgefühl im Umfeld von gar nicht hehrer Kunst, von Separé´e und Bordell kennzeichnete Toulouse-Lautrec nicht im Allgemeinen, ihn faszinierten immer wieder Individuen. Eigenarten und Alltag der Frauen im Puff, bei denen er öfters wohnte, schildert er aufmerksam und respektvoll in der Serie "Elles". Beim "Album Yvette Guilbert" versenkt er sich geradezu in die Züge, in die Gestalt der Diseuse. Das vorgetäuschte Herzmündchen, die Augenschlitze, die schwarz behandschuhten, langen Arme bekommen bei Henri de Toulouse-Lautrec ein Eigenleben: ein Leben für und auf der Bühne.</P><P>Bis 1. Mai, Tel. 089/ 22 44 12; Katalog, Dumont: 29 Euro.<BR></P>

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