Immer oben bleiben

- Nein, mit Doris Dörrie, der Filmregisseurin, hat sie nichts zu tun. Um diese Frage nach möglicher Verwandtschaft kommt niemand herum. Lena Dörrie beantwortet sie mit nachsichtigem Verständnis. Eines schönen, fernen Tages könnte es ja auch mal so sein, dass die Kinofrau gefragt wird, ob sie die Mutter von Lena sei.

Denn die junge Schauspielerin, die soeben 24 geworden ist und an diesem Freitag an der Bayerischen Theaterakademie erst noch ihre Diplomprüfung ablegen muss, ist schon jetzt besonderer Aufmerksamkeit wert. Seit ihrem ersten Studienjahr nämlich spielt sie mit auf den Bühnen des Bayerischen Staatsschauspiels.

Auf den schnellen Blick eher unauffällig, strahlt Lena Dörrie sofort eine besondere Aura aus, wenn sie die Szene betritt. Das erkannten auf Anhieb nicht nur die Dozenten der Bayerischen Theaterakademie, als Dörrie sich vor vier Jahren dort zum Vorsprechen meldete. Das sahen beim ersten szenischen Vorspiel auch die Verantwortlichen vom Staatsschauspiel und verpflichteten sie sofort für das Stück "Hilda" im Haus der Kunst.

Für beide Seiten ein Glücksfall. Dieter Dorn griff zu, besetzte sie in "Maß für Maß" im Residenztheater. Ihre jüngsten Premieren: "Himmel sehen" und "Böse Märchen", beide im Marstall, zeigen die ganze Bandbreite und Vielseitigkeit dieser jungen Darstellerin. Ihre zunächst auffallendste Begabung: Bühnenpräsenz allein durch Sprache, deren Klang, deren Gestus.

Was Lena Dörrie so deutlich selbst wohl gar nicht bewusst ist. Ihr ganzes Ziel ist: spielen. Als Kind drückte sich das durch den Tanz aus, im Gymnasium dann tastete sie sich so langsam ans Schauspiel heran. "Und als das Abitur immer näher rückte, habe ich mich gefragt: Was macht man eigentlich so mit seinem Leben?" Das Theater erwies sich als eine Option, das Vorsprechen war erfolgreich, und ohne eine besondere Ahnung zu haben von der großen Bühnenwelt und ihren berühmten Protagonisten, kam die Nürnbergerin in München an. Das war 2002.

Was nun alles auf sie einstürmte: "Ich musste lernen: Wo liegt der Unterschied zwischen mir und der Rolle? Ich musste lernen, eine Kritik zu akzeptieren; und ist sie negativ, musste ich lernen, sie positiv zu verwerten. Und ich musste lernen, dieses Selbstbewusstsein, das ich mit dem Bestehen der Aufnahmeprüfung anfangs hatte, hintanzustellen. Das muss man sich später wieder zurückholen, sonst traut man sich ja gar nicht mehr auf die Bühne."

Nun, da sie schon ihren zweiten, von Intendant Dieter Dorn unterschriebenen Vertrag in der Tasche hat, gibt es Weiteres zu lernen. Zum Beispiel, "auf wen man hört, auf wen besser nicht". Oder "eine Gegenposition zu beziehen". Lena Dörrie fasst es für sich so zusammen: "Im ersten Jahr lernt man, ,ja’ zu sagen, im zweiten lernt man ,nein’ zu sagen. Und irgendwann landet man vermutlich beim ,Vielleicht’."

Wenn Lena Dörrie den Förderpreis des Merkur-Theaterpreises verliehen bekommt, so ist das nicht ihre erste öffentliche Ehrung. Vor zwei Wochen zeichneten sie die Freunde des Bayerischen Staatsschauspiels ebenfalls aus. Doch sie übt sich in Gelassenheit. Nur keine Ansprüche daraus ableiten, nur nichts forcieren. Sie will sich ihre Skepsis bewahren.

Der Schauspielerberuf verlangt, so viel man als Student auch lernen mag, vor allem eins: grenzenlosen Idealismus.

1600 Euro brutto, 1000 Euro netto - so ist ein Anfängervertrag am Theater dotiert. Dafür spielen sich die jungen Menschen die Seele aus dem Leib. Da kann es schon mal vorkommen, dass ihnen sogar die Stimme wegbleibt. "Dass man die Stimme als so einen Schatz betrachten muss, hatte ich nicht gewusst." Heute gehören entsprechende Übungen zu Dörries Alltag. Dazu das Beobachten der großen "Alten" des Residenztheaters. Wenn sie im Chor der "Bakchen" hinter Gisela Stein auf der Bühne steht, "ist das einfach irre zu sehen, wie bei ihr der ganze Körper, jeder Muskel beim Sprechen mit dabei ist; wie sie jede Faser beherrscht".

"Man darf sich nichtabschaben an diesen Emotionen."

Lena Dörrie

Sich offen halten, hinschauen, Erfahrungen sammeln, bereit sein - für Lena Dörrie ist das alles eine große Lust. Sie nimmt sich vor: "Man darf sich nicht abschaben an diesen Emotionen, mit denen man da handelt, sodass man daran kaputt geht. Es muss immer der Spaß bleiben." Und sie erzählt von der Aufführung "Der Gehülfe", in der sie an einer Stelle zu weinen hat: "Jedes Mal habe ich mich kurz vor der entscheidenden Szene eingekrampft. Furchtbar. Neulich, während einer Vorstellung, da kapierte ich plötzlich: Das Weinen ist ja gar keine Qual, das Weinen ist eine Erleichterung, die Tränen sind eine Erlösung - und auf einmal ging es ganz leicht."

So hat Lena Dörrie praktisch erfahren, dass die Premiere einer Aufführung ebenso wie die Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule immer nur der Anfang eines Prozesses ist. Was sie natürlich theoretisch schon längst wusste, denn: "Eine der ersten Sachen, die ich von Dieter Dorn gelernt habe, ist sein Satz, den er während der Proben den Schauspielern zuruft: ,Oben bleiben.’ Immer oben bleiben. Selbst wenn man einen Punkt setzt, es muss immer weiter gehen." Sie konstatiert: "So gibt einem dieser Beruf doch eine positive Lebenseinstellung."

Ein bisschen Mut braucht der junge Schauspielermensch dennoch, um sich im Kreise der erlauchten Größen des Ensembles zu Wort zu melden. Lena Dörrie will ihn aufbringen: "Man verzweifelt so an den eigenen Gedanken, wenn man sich nicht zu sagen traut, was man denkt."

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