Immer mit Stil

Heesters in der Philharmonie: - Er ist ein Phänomen. "Dieses Lied sing' ich nur für dich", sagt der galante weißhaarige Herr, Jahrgang 1903, zu seiner angetrauten Herzensdame Simone Rethel. Und nach genau getimter Sprechpause: "Ich singe es auch für das Publikum - weil es ja bezahlt hat." Was zu den jungen Jahren des bildschönen Johannes Heesters der lässig umgeschlungene weiße Seidenschal war, sind jetzt diese kleinen, in Nebensätzen leicht hingeworfenen ironischen Brechungen.

Mögliche Sentimentalität oder Nostalgie - deretwegen vielleicht mancher Zuschauer in die Münchner Philharmonie gekommen war - haben bei Heesters‘ holländisch bodenständig-trockenem Humor keine Chance. Der Doyen des Entertainments ist eben ein Superprofi geblieben, und immer mit Stil.

"Es sind die schlechten Augen", macht er gleich seine Hilfebedürftigkeit beim Gehen zur ganz normalen Sache. Und weggewischt die 103 Jahre, wenn er, von Simone Rethel und Pianist Uli Kofler sicher an den Flügel geleitet, zu singen beginnt. Natürlich ist das keine junge Stimme, aber eine noch voller Kraft, gekonnt geführt, leidenschaftlich im Vortrag, wo auch das Brüchige eine schöne Farbe sei kann. Sein ganzer, nicht zu entmutigender Lebenshunger schwingt mit, trumpft immer wieder auf in einer trotzig abschließenden Geste. Man hört von ihm wohl die alten, durch ein ganzes Jahrhundert, zwischen Amsterdam, Brüssel, Salzburg, Wien und München gesungenen Lieder, aus dem "Bettelstudenten", aus der "Lustigen Witwe".

Aber Heesters, den Operettenkönig oder auch den Filmstar, den sieht man eher auf den von Rethel zusammengestellten groß projizierten Fotos, die im Schnelldurchgang - in sichtlich bescheidenem, für den Betrachter aber leider allzu kurzem Aufleuchten - diese so arbeitsdichte Vita und Karriere einholen: von der Kindheit in Holland bis zu den späten Bühnenauftritten. Hier und jetzt erlebt man den Heesters des weisen, 1993 komponierten "Ich bin gottseidank nicht mehr jung". Den Heesters, der seinem Körper, seiner geistigen Kraft das abtrotzt, was nicht sein Leben war, sondern was auch jetzt noch sein Leben ist: der Bühnenauftritt, die Lust am Spiel und die Disziplin, die dahin führen.

Wo andere noch junge Vortragskünstler ihre Spickzettel aufs Piano kleben, braucht Heesters nur zwei-, dreimal ein leises Stichwort von seinem Pianisten, der ihn auch musikalisch glänzend abstützt. "Show" nennt sich der Abend, recht eigentlich ist es eine Begegnung mit einem Künstler und Menschen, der einen die Kostbarkeit des Lebens lehrt, die Wichtigkeit, den Moment zu leben und sich mit kindlich bewahrter Neugier auf die Zukunft zu freuen.

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