Immer ein Stückchen Irrationalität

- "Ich kenne nicht nur den Raum, ich habe auch seinen Geruch in der Nase - seit Kindertagen." Heute erlebt der in München geborene Johannes Moser den Herkulessaal aus einer neuen Perspektive: als Solist in Joseph Haydns Cellokonzert Nr. 1, begleitet vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Riccardo Muti.

Johannes Moser, gerade 26 Jahre jung, wollte eigentlich Orchestermusiker werden, wie sein Papa, der in der Cello-Gruppe der BR-Symphoniker spielt. Doch ein Ereignis brachte ihn aus dem Tritt: Er gewann 2002 den renommierten Moskauer Tschaikowsky Wettbewerb. Die Weichen für eine Solistenkarriere waren gestellt.<BR><BR>"Das war entscheidend für die nächsten 30 Jahre. Neben der großen Ehre ist gerade dieser Wettbewerbssieg auch eine Bürde, es wird jeden Abend Außergewöhnliches erwartet."<BR><BR>"Der Vater wird vermutlich aufgegter sein als ich."<BR>Johannes Moser<P>Zunächst nutzte der charmante, junge Münchner den Erfolg, um sich persönlich bei Dirigenten vorzustellen. "Heute ernte ich die Früchte", freut er sich. Kürzlich musizierte er mit Pierre Boulez in Chicago, wohin ihn Madame Solti empfohlen hatte. "Es war ein sensationelles Gefühl, neben Boulez zu sitzen."<BR><BR>Etwas Besonderes wird es auch sein, mit dem Papa im Rücken im Herkulessaal und in der Philharmonie am Gasteig (Freitag) Haydn zu interpretieren. "Objektiv spielt das natürlich keine Rolle, aber emotional schon. Ich glaube, man ist nie Profi genug, um das alles abzuschalten." Von seinem Vater, "der vermutlich aufgeregter sein wird als ich", erhielt er den ersten Unterricht, wechselte dann zu Gottfried Greiner, später zu Stefan Haack und begann als 18-Jähriger seine Studien bei David Geringas in Berlin. Der sagte ihm: "Ab heute bist du dein eigener Lehrer."<BR><BR>Eine enorme Verantwortung, der Moser sich gewachsen fühlte, "weil schon mein Vater mich hatte entscheiden lassen zwischen Fußball- und Cellospielen". Das Überprüfen der eigenen Leistung anhand von Aufnahmen ist für den jungen Cellisten enorm wichtig. "Man braucht die Außensicht. Dann ist die emotionale Komponente weg, und man hört vieles, was verbesserungswürdig ist. Natürlich irritiert die Diskrepanz von Erfolg, Lob und dem Wissen, dass es doch nie hundertprozentig gelingt. Man wird von zunehmendem Erfolg nicht besser."<BR><BR>An Selbstkritik fehlt es dem Cellisten- und Sängerinnen-Sohn (seine Mutter ist Edith Wiens) nicht. Und es freut ihn, dass er sich als Musiker immer ein Stückchen Irrationalität leisten kann: "Eine kontrollierte Spinnerei. In dem Sinne, dass dasselbe Stück nie dasselbe ist, dass man sich und die Mitspieler jeden Abend neu überraschen und herausfordern kann."<BR><BR>Deshalb glaubt Moser auch, noch beim 100. Dvorák-Konzert etwas entdecken zu können. Neben dem klassischen Cellisten-Repertoire mit Haydn, Dvorák, Schumann, peilt er Richtung Schostakowitsch und Kabalewski, sucht nach weniger Bekanntem, etwa Sonaten von Moisei Vainberg und Boris Tschaikowsky, Freunden Schostakowitschs (CD erscheint im Herbst), und einem Cellokonzert von Viktor Herbert. Kammermusik möchte Moser am liebsten von der Pike auf lernen, mit einem eigenen Streichtrio. Als fünfter Mann hat er schon öfter in Quintett-Besetzungen mitgespielt, auch mit Freunden in unterschiedlichen Formationen musiziert. Demnächst wird er beim Festival in Moritzburg den jungen Münchner Komponisten und Klarinettisten Jörg Widmann treffen. Mal abwarten, ob das Folgen hat.<BR></P>

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