Es ist immer wieder etwas Neues

- Eine kleine, schonende Renovierung hat Joey McKneely dem Musical-Klassiker "West Side Story" verpasst. So jedenfalls beschreibt der Regisseur, einst Solo-Tänzer bei Meister Jerome Robbins selbst, die Arbeit, die er verrichten durfte an dem großen Kunstwerk, das Choreograph Robbins, Komponist Leonard Bernstein, Texter Arthur Laurents und Songschreiber Stephen Sondheim 1957 in New York unter vielen Mühen auf die Bühne gehievt hatten.

<P>Der Erfolg tröpfelte damals sparsam und flutete erst richtig mit der Europa-Premiere 1958 in London. Bis schließlich 1961 die Verfilmung sämtliche Rekorde brach und zehn Oscars an sich riss. </P><P>Vielleicht war die nicht konfliktfreie Zusammenarbeit des künstlerischen Quartetts, waren all die Veränderungen, Verzögerungen und Beinahe-Verhinderungen, die die wegweisende "West Side Story" auch noch nach ihrer "Geburt" erfahren musste, der Grund dafür, dass Robbins und Bernstein festlegten, wie das Werk aufzuführen sei. Deshalb wachen heute der "Robbins Rights Trust" und der "Bernstein Estate" über die Rechte an der Originalinszenierung, die sie bisher nur drei Regisseuren gewährten. Einer davon ist McKneely: Seine Einstudierung der "West Side Story" wird von 30. April bis zum 16. Juni im Münchner Deutschen Theater gastieren. </P><P>McKneely darf für sich in Anspruch nehmen, dass Robbins persönlich ihm die Original-Choreographie noch anvertraute. Eng arbeitete McKneely nämlich für eine Broadway-Show mit seinem Lehrer zusammen, und auch von McKneelys erster Choreographie für Smokey Joe's Café´ war dieser angetan. "Deshalb hat er es mir erlaubt", sagt McKneely. Er inszeniert das Stück jetzt zum dritten Mal, "und es ist immer wieder etwas Neues".</P><P>Anders als im Original ist jedenfalls: ein Bett auf der Bühne. Maria, die puerto-ricanische Augenweide mit Herz, und Tony, der zwischen den Einwanderer-Jugendgangs zerrissene, gute American Boy, dürfen einige Minuten vor der Katastrophe im Bett verbringen. So viel moderne Freizügigkeit ist möglich. Ansonsten lehnt sich die Inszenierung mit ihrem filigranen Feuerleiterngezweig, das zarte Schatten wie ein sommerliches Laub-Dach über die Liebenden werfen kann, sehr an die Vorlage an.</P><P>Ausgewählt wurde das Ensemble absichtlich nur in New York - "wegen der adäquaten sprachlichen Umsetzung". Voraussetzung für die Hauptdarsteller: eine deutliche Nähe zum Opernfach. </P><P>"Es wäre schade, wenn diese wundervoll geschriebene Musik, die hohe stimmliche Anforderungen stellt, von einem Schauspieler gesungen würde", so der ungestüm und doch auch nachdenklich wirkende McKneely. Das Liebespaar wurde vom Produktionsteam doppelt besetzt: "Es gibt dabei aber keine Hierarchie, keine Erst- und Zweitgarnitur", heißt es. Eine der Marias ist die Schweizerin Katja Reichert, die ihre Ausbildung in New York erhielt und hierzulande als Prinzessin Sophie in "Ludwig II" am Musical Theater Neuschwanstein auftrat. </P><P>Nur vier Wochen hatte McKneely zur Verfügung, um mit den Darstellern zu probieren. Damit sie die 14-Stunden-Tage durchhielten, bot er ihnen Yoga-Übungen an. Yogi McKneely findet, dass sich mit ihnen besser die tiefen, menschlichen Gefühle aus dem Stück nachvollziehen und verkörpern lassen: "Rassismus, Hass, gebrochene Herzen." Bei den Proben in den Wiener Rosenhügel-Studios vermittelt sich bereits der Eindruck, dass sich hier ein hochproduktives Team voller Lust und Leidenschaft vereint hat. Dass sich jeder - ob als muskelprotzender Jet oder reizbarer Shark, als aufgeweckte Puerto-Ricanerin oder quäkende Jet-Tussi - bereits seine Identität tiefgründig erschlossen hat. Auch McKneely empfindet das so. "Die eher klassische Arbeitsweise vor allem der europäischen Team-Mitglieder und meine schnelle eigene Energie sind eine sehr gute Verbindung eingegangen." </P><P>Von 30. April bis 16. Juni 2004. Kartenvorverkauf ab sofort: Tel. 089/ 55 23 44 44.<BR></P>

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