Immerzu, immerzu, immerzu

- Am Ort seiner späten Uraufführung ­ 1913, 76 Jahre nach seiner Entstehung ­ wurde der "Woyzeck" jetzt erneut mit programmatischem Anspruch auf die Bühne des Münchner Residenztheaters gebracht. Martin Kusej, designierter Intendant und Nachfolger Dieter Dorns, hat mit der Inszenierung des Fragment gebliebenen Stücks von Georg Büchner ­ der Dichter starb, gerade mal 24 Jahre alt, 1837 ­ seinen Münchner Einstand gegeben. Vorbote einer neuen Ära im Bayerischen Staatsschauspiel. Ein im Großen und Ganzen fesselnder, zum Teil verstörender Abend.

Kusej nimmt Büchner, jedenfalls fast immer, beim Wort; wenngleich nicht alle hier gesprochenen Texte direkt dem "Woyzeck" zuzuordnen sind. Aber das ist bei dieser losen Szenenfolge insofern unerheblich, weil hier mit der Geschichte des armen Soldaten, dem sein Lieb‘, das einzige, was er besitzt in diesem Leben, abhanden kommt, der ganze Büchnersche Kosmos auf die Bühne gebracht wird. Ein Stück Universum, in dem sich die Figuren wie Hineingeworfene befinden. Welttheater.

Darum vielleicht setzt Kusej das von der Großmutter erzählte Sterntaler-Märchen "Es war einmal ein arm Kind" an den Anfang: ".\x0f.\x0f.\x0fund wie‘s wieder auf die Erd wollt, war die Erd ein umgestürzter Hafen und war ganz allein und da hat sich‘s hingesetzt und geweint und da sitzt es noch und ist ganz allein." Und da das Woyzeck-Schicksal und die Fratzenhaftigkeit und Getriebenheit der Gesellschaft nach wie vor von so provokanter Aktualität sind, ist diese Märchenerzählung ­ von Cornelia Froboess hingefetzt ­ ein einziger Aufschrei der Empörung, des Protestes.

Weit und offen die große Bühne. Der bis an die erste Parkettreihe herangezogene Bühnenboden ist bedeckt mit blauen, mit Humus gefüllten Müllsäcken, hügelig, holperig. Wie die aus dem All betrachtete Oberfläche des blauen Planeten Erde. Darauf wie Sterne aufgehend, versinkend, verweilend, abgehend, erlöschend die Figuren des Stücks.

Der Beginn: mit heller werdender Bühne grummelnde, anschwellende Musik, dann ein rasches Blackout. Nach einem Moment stiller Finsternis ein Schlag. Licht. Und Woyzeck steht auf der Szene. Mit schief gelegtem Kopf, als lausche er in die Welt hinein, mit neugierigen, funkelnden, hellwachen Augen, in der Hand eine Plastiktüte mit Fischen darin, gefangen aus jenem Gewässer, in das er am Ende selbst gehen wird.

Nun beginnt er zu sprechen. Und sofort ist klar: Dieser Woyzeck ist ein Dichter; ist, zumindest im Laufe des Abends, immer wieder Georg Büchner selbst, aus dem die wunderbarsten, klarsten, erkenntnisreichsten, poetischsten Texte sprechen.

Und Jens Harzer, der diesen Woyzeck spielt, ist die denkbar beste Besetzung für diese Rolle. Alles schwingt hier mit: die Überlegenheit des scharfen Beobachters, die Fantasie des Träumers und Dichters, die geschundene Kreatur, das Opfer, der Mörder und Selbstmörder ...

Aber zurück zur ersten Szene. Harzer öffnet die Tüte, schüttet die Fische aus, wirft sie hoch in den Bühnenhimmel, von wo aus sie irgendwo aufklatschen; einen spielerisch beinahe ins Parkett. Am hinteren blauen Rand taucht als erster der Kopf des Idioten auf (Arnulf Schumacher als Narr im Frack). Dann krempelt sich Harzer die Ärmel hoch, geht aufs Publikum zu, als sei dies eine Geste des Regisseurs an sein künftiges Wirkungsfeld. Das Spiel kann beginnen.

Ein knallhartes Spiel. Immer geht es um Blut, Schweiß und Tränen, um die Sexualität, die die Menschen hier bestimmt, feucht vor Triebhaftigkeit ihre Haut, gewalttätig bis zum Tod. Es wird geschlagen, geschändet und entblößt, fallen- und liegengelassen und weggeschleppt. Alles findet sich so bei Büchner.

Und alles wird bei Ku(\xffs)ej mit einer kalten, erschreckend bestechenden Ästhetik gezeigt. Er inszeniert weniger das Drama der sozialen Determiniertheit, als einen Todesreigen der Menschheit. Und verabschiedet damit die landläufige Annahme, "Woyzeck" sei ein früh-sozialistisches Stück. Wenn Rainer Bock, der sehr skurril den Hauptmann spielt, unverhofft Brechts "Linken Marsch" anstimmt, ist das der ironische Abgesang dazu.

Kusejs "Woyzeck" ist ein Weltdrama zwischen Tragödie und Schaustellertum, das die extremsten Facetten der menschlichen Natur ausleuchtet: den Sadismus des Doktors, die boshafte Beschränktheit des Hauptmanns, die Brutalität des Tambourmajors, die verzweifelte Doppelgeschlechtlichkeit des Ausrufers, die Bescheidenheit des Andres‘, die zerstörerische Gier der Margreth, die tödliche Sehnsucht der Marie. Und die Untätigkeit aller, wenn sie zusehen, wie Woyzeck, der Außenseiter, fast totgeschlagen wird. Ja, auch Marie schaut zu. Juliane Köhler spielt sie als eine junge, restlos überforderte Mutter, unter deren kühler Oberfläche das Feuer lodert. Ihr Tod ­ eine extrem starke Szene. Wenn Woyzeck sie ersticht, gehen alle (Lebens)-Lichter aus. Im Dunkeln hört man nur ihre Schreie, plötzlich abrupte Stille.

"Immerzu. Immerzu." Das Spiel beginnt sich bei Ku(\xffs)ej zu wiederholen, die gleichen Männer, die gleichen Frauen, die gleiche Gewalt, der gleiche Sex. "Immerzu." Woyzeck wirft jetzt sein Klappmesser hinter sich. Er breitet erleichtert die Arme aus, mit der vagen Geste der Beruhigung ­ in diesem Moment ist Harzer wieder ganz Dichter, ganz Schauspieler, ganz Regisseur. Dann geht er als Woyzeck mit den Worten "Ich muss mich waschen" über die blauen Müllsäcke in die Tiefe.

Ein Triumph.

Nächste Vorstellungen:

23. und 30. Juni, 7. , 15., 19. und 27. Juli.

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