"Moses": Imposant-kluges Riesengemälde

Oberammergau - 400 Oberammergauer auf, hinter und unter der Bühne haben mit Regisseur Christian Stückl heuer sogar eine Uraufführung angepackt: Im Passions-Theater hatte am Freitagabend Feridun Zaimoglus und Günter Senkels auch für Profis schwergewichtiges Drama „Moses“ Premiere.

Rot ist die Bergwüste wie das Rote Meer, rot auch das Kreis-Podest, das der breit gezogenen Bühne im Passions-Theater ein Zentrum gibt – und so manche Überraschung für die Besucher bereithält. Die erste ist eine andere: dass Ausstatter Stefan Hageneiers schöner Landschafts-Prospekt sogleich auseinanderfährt und den Blick in eine ägyptische Halle mit Palmsäulen freigibt. Neben raffinierten Nervsäge-Klängen spotten hochmögende Herrn darüber, wie Pharao die Israeliten über den Tisch gezogen hat. Jetzt schuften sie brav und kuschen. Ein anderer Ägypter steht in feinem schwarzen Gewand mit dem typischen „Kopftuch“ dabei: Moses. Nach seinem Totschlag an einem ägyptischen Vergewaltiger reißt er sich das Zeichen der Unterdrücker seines Volkes vom Haupt. Pharaos Ziehsohn wird wieder Hebräer, und zwar ein tausendprozentiger. Denn Jahwe hat in auserkoren.

Die Autoren stellen sofort die Ausgangssituation ihres „Helden“ klar. Da hat einer überall und immer eine Zwischen-Position. Stückls Inszenierung und Hageneiers Bühnenbild samt Kostümakzenten folgen dem genau. Moses möchte sein Fremdsein auflösen im unbedingten Glauben an den „Einen Heiligsten“. Der indes fordert noch mehr: Moses soll Prophet sein. Wie seine biblischen Kollegen sträubt er sich in Angst und Zweifel. Der Aufschrei „Lass mich!“ erstickt im hohen Flammenkreis, der aus dem Boden schießt. Gott im brennenden Dornbusch lässt dem Mann keine Ausflucht.

Dass der diffizile Glaubenskonflikt parallel geführt wird zu diversen Theatermitteln, hält die Zuschauer dran an der biblischen Geschichte. Man kennt sie, aber Zaimoglu/Senkel und das Inszenierungsteam sowie die Musik von Markus Zwink malen damit ein imposantes Riesenformat (passend fürs Passions-Theater). Da gibt es kräftige Pinselschläge und zugleich Feinzeichnungen: vertrackte Argumentationsketten über Gewalt und Religion, Nationen-Werdung, über das menschliche Verhalten von Neid bis Treue. Über allem steht das Thema Glaube. Ihrem Glauben an Jahwe hängen Moses und sein Bruder Aaron radikal-konsequent an – und die Stämme Juda müssen irgendwie mit. Durch eine bittere Not, denn nur ihre Nachkommen werden das Gelobte Land erreichen. Sicher, die beiden Dramatiker tippen alle Moses-Ereignisse von den Plagen, die Ägypten fast vernichten, über das Manna bis zum Goldenen Kalb an; wichtiger ist ihnen jedoch, die endlose Durststrecke zu schildern, die die Israeliten ertragen.

Eine extreme Herausforderung fürs Theater und noch mehr für ein Laien-Ensemble. Aber Prophet Christian Stückl hat es gewollt, und seine Oberammergauer folgen ihm unerschrocken. Sie verlangen sich und ihrem Publikum viel ab – und haben gewonnen. Man gibt mit sinnlichen Effekten dem Theater, was des Theaters ist, und bleibt doch intellektuell präzise. Neben der Optik ist da die Musik von Zwink, die der Chor (Teil des „Volks“ auf der Bühne) und ein erstaunlich großes Orchester im Graben realisiert. Die Klänge wissen um emotionale Wirkung, rutschen freilich nie in billiges Filmmusik-Tamtam ab.

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Der wichtigste Part in dem Zusammenspiel ist der Mensch. Und so tragen von den Hauptdarstellern bis zum Komparsen-Madl alle mit ihrem Engagement und ihrer Präsenz die Aufführung. Ein fein schattiertes Porträt des zerrissenen Potentaten zeichnet Stephan Burkhart als Pharao. Andreas Richter ist als Magier Balaam nicht einfach der böse Versucher, sondern auch vernünftiger Politiker. Peter Stückl lässt als Korah in einem furiosen Auftritt mit Barbara Dobner (Korahs Tochter) den Zweifel an seinen Cousins Moses und Aaron ganz logisch erscheinen. Und Frederik Mayet charakterisiert Aaron nicht wie in vielen anderen Darstellungen als Macher und Manager, vielmehr als geradlinigen Normalo. Der aber lebt, dass er Jahwe und seinem Bruder Moses glaubt.

Die übergroße Last der Figur Moses muss Carsten Lück schultern. Mit schönem Ernst erzählt er in seinem Spiel vom Propheten wider Willen, vom Kämpfer mit/gegen Gott, vom Kämpfer mit/gegen sein Volk, von dem Menschen, der seine Gefühle für die Glaubenskonsequenz aufgibt. Ohne Falsch und Unsicherheit steht Lück diesen Mann – und bewältigt staunenswert einen sehr schweren Text. Denn, ganz bibeltreu, ist Gott das Wort – und daran hält sich der neue „Moses“ mit Leidenschaft.

Simone Dattenberger

Weitere Vorstellungen

am 19., 20., 26., 27. 7. und 9., 10. 8.; Karten: 08822/ 945 88 88, 089/ 54 81 81 81.

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