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„Ich bin Jude, wenn auch ein Jude ohne religiöse Bindung“ , sagt Saul Friedländer, der in seinem neuen Buch auf sein Leben blickt. Am Sonntag stellt der 83-Jährige „Wohin die Erinnerung führt“ in München vor.

Neuerscheinung

Mit unbestechlichem Blick

München - In „Wohin die Erinnerung führt“ erzählt der Historiker und Schriftsteller Saul Friedländer aus seinem bewegten Leben.

Er überlebte in einem katholischen Internat in Frankreich den Holocaust, wurde katholisch getauft, wollte Priester werden, war entflammbar für den Kommunismus, bekannte sich schließlich zum Zionismus und wanderte im Juni 1948 wenige Wochen nach der Staatsgründung per Schiff nach Israel aus; allerdings nicht, ohne dass sich der nicht einmal 16-Jährige altersmäßig um gut zwei Jahre heraufschwindeln musste, um mitgenommen zu werden auf der berüchtigten „Altalena“.

Nun, kurz vor seinem 84. Geburtstag, blickt Saul Friedländer auf sein Leben zurück, darauf, wie und wodurch er wurde, was er ist: einer der anerkanntesten und hochgepriesenen Historiker und Schriftsteller, einer, der den Millionen ermordeter Juden eine Stimme gab („Das Dritte Reich und die Juden“) und der heute mit ebenso unbestechlichem Blick und untrüglichem Gefühl die Gegenwart und die politische Entwicklung seiner Heimat Israel in den Memoiren „Wohin die Erinnerung führt“ kritisch ins Visier nimmt.

Heimat? Die ist so nicht eindeutig zu benennen. „Ich bin Jude, wenn auch ein Jude ohne religiöse Bindung“, sagt er. Seine kulturelle Identität sei immer französisch geblieben, er nennt das „mein zerstückeltes kulturelles Ich“.

Geboren wurde Saul Friedländer 1932 in Prag als Kind einer jüdischen Familie. Als 1938 die Nazis das Land okkupierten, flohen die Eltern mit ihm nach Frankreich. Doch auch hier mussten sie alsbald versuchen, dem Zugriff der Deutschen zu entkommen. Den Sohn, der damals noch Paul hieß, brachten die Eltern in einem christlichen Schulheim unter, sie selbst scheiterten tragisch an den französischen Gendarmen, die sie an der Grenze zur Schweiz festnahmen und den Behörden überstellten. Auschwitz wurde ihr Schicksal.

Was muss das Kind, was muss der junge Erwachsene gelitten haben! Die Unbehaustheit hinterließ ihre Spuren. Die innere Wunde manifestierte sich in Form einer „Gefühlslähmung, sodass mich nichts mehr tief berühren konnte“. Daher wohl kennzeichneten in den frühen Jahren eine gewisse Unruhe und Unstetigkeit Friedländers Leben. 1953 Rückkehr nach Frankreich, Studium in Paris, Aufenthalt in Schweden, dort Arbeit und Krankenpflegerlehre in der Psychiatrie, erneut Israel, dann New York, Genf, Berlin, Los Angeles. Aber zu diesem Zeitpunkt, ab Ende der Sechzigerjahre, war Friedländer längst schon der anerkannte Historiker und Professor, der immer wieder auch in politische Ämter und Gremien berufen wurde.

Der Leser ist eingeladen, diesen Weg sozusagen nachträglich mitzugehen, und zwar mit Empathie und der Bereitschaft, den politischen wie intellektuellen Diskursen jener Zeit zu folgen. Ebenso wenig wie Friedländer aus seiner Position „links von der Mitte“ heraus mit scharfer Kritik an dem „jüdischen Staat und seiner fehlgeleiteten Politik“ spart, verzichtet er beim Lebensrückblick auf seinen Humor, der es ihm vermutlich überhaupt erst ermöglicht hat, sein schweres Schicksal ins Positive zu wenden. Ob er sich als „Meister der falschen Bescheidenheit“ tituliert oder beispielsweise gesteht, dass er, um einst den Frauen zu imponieren, sich gern der angeblichen Verwandtschaft mit Fürst Wallenstein, dem Friedländer, rühmte – immer ist sein ernster Ton, seine Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart, mit Kitsch und Tod, mit Deutschland und „den Besten“ der deutschen Republik durch derart heitere Selbstironie angenehm angeschrägt.

Der langjährige Lehrstuhlinhaber für die Geschichte des Holocaust an der Universität von Kalifornien ist sesshaft geworden und nach seiner Emeritierung in Los Angeles geblieben. Aber nach wie vor ist er, wenngleich hochbetagt, ein Reisender; schon allein, um der Öffentlichkeit seine Bücher vorzustellen und diverse Preise entgegenzunehmen wie etwa 1998 den Münchner Geschwister-Scholl-Preis oder 2007 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

SABINE DULTZ

Saul Friedländer:

„Wohin die Erinnerung führt“. Aus dem Englischen von Ruth Keen und Erhard Stölting. C. H. Beck Verlag, 329 Seiten; 26,95 Euro.

Am Sonntag, 25. September,lesen Saul Friedländer und der Schauspieler Stefan Hunstein im Münchner Literaturhaus, Salvatorplatz 1, im Rahmen der Reihe „Literaturhandlung live“ aus dem Buch. Die Veranstaltung, moderiert von Rachel Salamander, beginnt um 17 Uhr. Kartenreservierung in der Literaturhandlung unter Telefon 089/ 28 00 135.

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