Der Inbegriff von Eros und Tod

- Man kann einiges gegen das Stück haben. Alles aber spricht für diese Aufführung. Mit Jossi Wielers Inszenierung von Paul Claudels "Mittagswende" ist den Münchner Kammerspielen eine Premiere gelungen, die die Zuschauer zweieinhalb spannende Stunden lang einen tiefen Blick in die widersprüchlichen und unerklärbaren Abgründe menschlicher Seelen werfen lässt. Ein sensibler, großartiger Regisseur, vier ausgezeichnete Schauspieler und eine Bühne von raffiniertester Einfachheit.

<P>Claudel (1868-1955), einer der großen französischen Autoren und sein halbes Leben lang in diplomatischem Dienst zwischen New York, China und Hamburg, wurde in Deutschland vor allem berühmt aufgrund seines Dramas "Der seidene Schuh". In den letzten 30 Jahren spielte er hierzulande höchstens nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Generation der 68er hatte den Autor und seine wenn auch großen, doch aber vor Frömmigkeit triefenden Dramen hinweggefegt. Nun scheint er wieder aktuell zu werden. Nach kreischenden Klassiker-Zurichtungen und allerlei seichtem Tralala kommt heute wieder psychologische Feinzeichnung zu ihrem Recht.</P><P>Moral und Ehebruch</P><P>Claudel schrieb "Mittagswende" 1905. Er bewältigte damit seine persönliche Krise, in die er geraten war durch die Affäre mit einer verheirateten Frau. Er war ihr auf einer seiner Schiffsreisen nach China begegnet. Der Konflikt zwischen moralischem Anspruch und Ehebruch, religiöser Berufung und dem Verfallensein der sinnlichen Liebe ist denn auch der zentrale Punkt in seinem Stück, von dem es mindestens zwei Versionen gibt: jene, die der Autor 1948 für die Pariser Uraufführung durch Jean-Louis Barrault glättend erstellt hat, und die radikalere, so genannte Urfassung, auf die man jetzt an den Kammerspielen zurückgriff.</P><P>Aber auch hier ein Stück voller religiöser Symbole, Zeichen und Allegorien, das nur anfangs dem Anschein nach eine Liebeskomödie sein könnte: eine Frau zwischen drei Männern. Sie - der wohl auch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts unzeitgemäße Inbegriff für Eros und Tod. Es ist vor allem Claudels Frauenbild, das sein Drama heute ziemlich überholt und es insgesamt fragwürdig erscheinen lässt. Die Männer dagegen - drei unterschiedlichste Typen, aktuell u jeder Zeit: der Erfüllung Suchende, der Draufgänger und Abenteurer, der angeberische Geldmacher und Verlierer. Alle sind sie zwischen 30 und 40, am "Scheitelpunkt" ihres Lebens, sich der Unumkehrbarkeit ihrer Lage bewusst. Den Suez haben sie, wie es heißt, bereits hinter sich. Schon die Namen, die Claudel seinen Figuren gab, sind Programm. Mit Ysé´ erinnert er nicht nur an Isolde, sondern bezieht sich auf das griechische "isos", die Gleichheit, das Abbild des ewig Gleichen. Mesa kommt von "mesos" und bedeutet so viel wie die Hälfte; Amalric weist phonetisch auf das Entzweischneiden hin und de Ciz auf den Schnitt oder die Scheidung.</P><P>Im ersten Akt aber ist das Quartett noch zusammen. Auf den weißen Planken des Ozeandampfers, geblendet von der durch alle Spalten dringenden Mittagssonne, taumeln die Figuren, als hätten sie den Boden unter den Füßen verloren. Hangeln sich an den Wänden entlang, um auf dem bewegten Meer Halt zu finden. Stemmen sich gegen den Boden, um standhaft zu bleiben - nicht zuletzt gegenüber ihren in Wallung geratenen Gefühlen. Kaum, dass sich die vier berühren. Ihre Blicke sprechen Bände. Ihr leiser Ton sorgt für knisternde Stille. Ihre zeitlupenhaften Bewegungen signalisieren die Ruhe vor dem Sturm.<BR>Wunderbar Nina Kunzendorf als Ysé´ - lasziv, kokett; mit herausfordernder Trägheit räkelt sie sich an der Bordwand wie ein Säugling in seinem Bett; faszinierend in ihrer Schönheit. "Ein Allerletztes in mir, das gab ich nicht preis" - das Geheimnis der Ysé´ bleibt auch das Rätsel dieser Schauspielerin, der interessantesten im gesamten Kammerspiele-Ensemble.</P><P>Arroganz und Begierde</P><P>Ausgezeichnet von Jossi Wieler geführt ist hier auch Hans Kremer, der als Weltenbummler Amalric kaum wiederzuerkennen ist; ein lässiger Siegertyp im ersten, ein harter Kerl im dritten Akt. Ebenso Jochen Noch, der den Ehemann De Ciz spielt - dümmlich, protzend mit der schönen Frau, die er immer wieder besitzanzeigend umfasst, aber zunehmend verunsichert und am Ende gar zu bedauern, da er bar jeder Menschenkenntnis sich von Mesa in den sicheren Tod schicken lässt.</P><P>Mesa ist unter diesen geldgeilen Europäern der einzige, den anderes umtreibt: seine Suche nach Gott. Hochmütig und introvertiert, zurückhaltend, den Blicken der anderen ausweichend - so spielt ihn in gestriegelter Schlaksigkeit Stephan Bissmeier; offenbar immer einen Kamm parat, um sich das glatte Haar noch glatter zu kämmen: zwischen unsicherer Arroganz, lächerlicher, später Jünglingshaftigkeit, eruptiven Ausbrüchen der Begierde und demütigem Dialog mit Gott. Was beim Lesen des Textes so bleiern, so bekenntnishaft erscheint, bekommt bei Bissmeier eine staunenswert schwebende, mitunter das Komische streifende Leichtigkeit.</P><P>Das letzte Mal an diesem Haus wurde Claudels "Mittagswende" 1960 aufgeführt, inszeniert vom damaligen Intendanten Hans Schweikart, gespielt von Maria Wimmer, Rolf Boysen, Peter Lühr und Alexander Kerst. Der Intendant war mit sich selber unzufrieden, nach nur vier Vorstellungen setzte er das Stück wieder ab. Dass "Mittagswende" heuer weit mehr als nur vier Abende erleben wird, ist angesichts der hohen Qualität dieser Jossi-Wieler-Inszenierung garantiert. Großer Beifall für alle.</P><P>Die Besetzung<BR>Regie: Jossi Wieler. Ausstattung: Anja Rabes. Musik: Wolfgang Siuda. Darsteller: Nina Kunzendorf (Ysé´), Stephan Bissmeier (Mesa), Jochen Noch (De Ciz), Hans Kremer (Amalric).<BR></P>

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