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Platz ist auf der kleinsten Bühne: Jörg Baesecke und seine Kulissen.

Chef des kleinsten Theaters der Welt

Intendant Jörg Baesecke: Der Streugebabte

München - Es klingt märchenhaft, und das ist es auch: ein Mann, der sich und seinen Beruf täglich neu erfindet. 

Jörg Baesecke, der Volljurist (alle Examina zur vollsten Zufriedenheit aller abgelegt, sogar mit einschlägigen Berufsangeboten gelockt) – dieser Baesecke, Jahrgang 1954, pfiff auf die Sicherheit im Beruf und entschied vor gut 20 Jahren: „Ich mache ganz was anderes. Etwas, das ich komplett erfinden muss und in dem ich alle meine Begabungen zusammenführen kann.“

Schon während der Studentenzeit in Hamburg hatte er Straßentheater ausprobiert, Improvisationstheater, war bei der Anti-AKW-Bewegung in den Jahren 1976/77 in Brokdorf dabei und hatte gemerkt, dass sich aus seiner, wie er es nennt, „,Streubegabung – bisschen zeichnen, bisschen dichten, Sprachgefühl“ – etwas machen lassen müsste. Die Frage war: „Was kannst du, und wie kannst du es einsetzen?“

So trat er 1983 in Hamburg mit seiner Partnerin, der Geigerin Hedwig Rost, zum ersten Mal auf – eine kleine Kofferbühne, „das kleinste Theater der Welt“, 23 auf 36 Zentimeter groß, auf dem Schoß. „Robinson Crusoe“, „Der Rote Freibeuter“ oder „Ein Sommernachtstraum“ hießen die ersten Stück, dann folgten seine „Weltklassiker im Zehnminutentakt“.

Das Publikum war gebannt; Einladungen an die Theater der Republik folgten. Baesecke und Rost spielten und spielen in deutschen Städten, aber auch in Frankreich, England, Griechenland, Polen, Schweden. Sie fuhren mit dem Goethe-Institut nach Kairo und Johannisburg, begleiteten Oberbürgermeister Christian Ude zur Münchner Partnerstadt Harare in Simbabwe. Und immer wieder spielen sie auch in Schulen und in Münchens Schauburg – für das Kinder- und Jugendtheater entstanden viele Stücke.

Die Kofferbühne kommt immer noch zum Einsatz, aber es gibt inzwischen reichlich andere spielerische und inszenatorische Möglichkeiten. Baesecke hat etwa Theaterbücher gemacht, deren Seiten sich umklappen lassen, und erzählt damit seine Stücke – es sind inzwischen 110. Der Gesichtsausdruck seiner aus Papier geschnittenen oder gerissenen oder gefalteten Figuren verändert sich unterm Spiel: Der Zuschauer erlebt bei diesen Aufführungen mit, wie Theater entsteht, wie sich das Märchen oder die Geschichte im Augenblick der Aufführung quasi zum ersten Mal ereignet.

Ein Stoß DIN-A4-Papier ist dabei das hauptsächliche Arbeitsmaterial. Aber auch Stoffe, Zollstöcke oder Küchenutensilien kommen zu Bühnen-Ehren. Für den Zuschauer sieht alles federleicht aus – so, als müsse und könne es nur so sein. Zum Glück. Denn wie viel Arbeit und Ausprobieren hinter den Aufführungen steckt, soll ja niemand merken. In schwierigen Phasen hält sich Baesecke an die schöne Weisheit: „Das Material weiß die Antwort.“ Es scheint, als gebe es nichts, was er und Hedwig Rost nicht ausdrücken und in unmittelbar verstehbares, künstlerisch anspruchsvolles Theater überführen könnten.

Grundlage ihres Erzähltheaters sind die großen alten Märchen und Geschichten aus vielen Kulturkreisen, auch Balladen („Herr von Ribbeck“ etwa oder „Die Brücke am Tay“) sowie geschichtliche Stoffe. Dabei suchen die beiden immer weiter nach geeigneten Themen.

In welche Richtung denkt ein Theatermacher zurzeit, wenn er was Neues plant? „Man lebt ja nicht isoliert und fühlt, was in der Luft liegt. Ich glaube zu spüren, dass die Menschen jetzt Tröstliches wollen, dass man, wenn das nicht zu kitschig klingt, Balsam braucht. Nicht Wellness. Etwas, das die Seelenkräfte stärkt und, auch für Kinder, Zuversicht schafft.“

Beate Kaser

Das Theater auf Hausbresuch

Wer will, kann sich die kleinste Bühne der Welt auch nach Hause einladen, sich Ministücke auf einer „Speisekarte“ aussuchen und bekommt dann Drei-Minuten-Favoriten am Tisch serviert.

Jörg Baesecke schlägt für eine Aufführung zu Hause eine Spieldauer von etwa 40 Minuten vor. Es geht aber auch abendfüllend. Auch für Firmenjubiläen eignet sich diese Art Theater – die Themen können nach Anlass gewählt werden.

Die Kosten: Es geht bei ca. 400 Euro los. Und das Theater hat noch einen weiteren Vorteil: Nach der Aufführung steht nichts herum; nichts muss aufgeräumt werden – aber jeder wird sich wohl gern an diese magischen Aufführungen erinnern. Das ist keine bloße Behauptung – die Autorin dieses Textes hat es selbst erlebt.

Der Kontakt: Hedwig Rost und Jörg Baesecke, rebus/Die Kleinste Bühne der Welt, Telefon 089/ 79 32 445. Weitere Informationen im Internet unter www.kleinstebuehne.de.

B.K.

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