Indianische Klänge eines Böhmen

- America meets Austria - und umgekehrt. So könnte man das Konzert umschreiben, mit dem die heurigen Salzburger Festspiele am Samstagvormittag eröffnet wurden. Seiji Ozawa, früher Chef in San Francisco und Boston, mittlerweile Musikdirektor der Wiener Staatsoper, musizierte mit den Wiener Philharmonikern eine interessante Mischung: Neben dem originalen US-Produkt, Charles Ives' "Central Park in the Dark", zwei in Übersee entstandene Werke europäischer Komponisten: das Violinkonzert D-Dur des Wieners Erich Wolfgang Korngold und Antonin Dvorá´ks 9. Symphonie "Aus der Neuen Welt".

<P>Ives kurze, nächtliche New-York-Impression servierten Ozawa und die Wiener sozusagen als "amuse-gueule", vom Dirigenten liebevoll geformt. Den sanften Streicherflimmer durchkreuzte der sich kurz wild aufbäumende Großstadtlärm. Ozawa entfachte ihn mitten unter den Bläsern, von wo aus er auch Klavierspielern und Schlagzeugern einheizte, bevor er wieder ans Pult schlich und die Nachtstille zurückkehrte. Korngold, den Max Reinhardt schon 1934 nach Hollywood geholt hatte und der dort als Film-Komponist höchst erfolgreich war, wandte sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg wieder der absoluten Musik zu. Sein 1947 von Jascha Heifetz uraufgeführtes Violinkonzert bot jetzt dem jungen Wiener Geiger Benjamin Schmid Gelegenheit zum Debüt mit den Philharmonikern.</P><P>Sie reagierten dynamisch, äußerst sensibel und lieferten butterweiche (Film erprobte) Übergänge. Beste Voraussetzungen für den Solisten, der sich meist in extrem hoher Lage aufhalten muss und in der Kadenz mit Doppelgriffen und Sprüngen protzen darf. Kein Problem für Benjamin Schmid, der mit feinem Ton den zart-melancholischen Charakter der Romanze mit ihren raffinierten Piano-Schattierungen überzeugend traf. Im keck variierenden Finale fehlte es ihm nicht an Virtuosität, wohl ein wenig an Durchschlagskraft. Trotzdem sehr viel Beifall.</P><P>Dvorák als Ereignis</P><P>Dvorá´ks allzu bekannte Neunte machte Ozawa zum Ereignis: Die Schroffheiten gleich zu Beginn ließen aufhorchen und wurden mit wunderbar modellierten Melodiebögen kontrastiert. Egal, ob die folkloristischen Anklänge nun indianisch oder doch böhmisch sind, die Wiener durften sie auskosten (Englischhorn im Adagio), und Ozawa leuchtete die Musik plastisch aus, gab ihr eine verblüffende Tiefenschärfe, die sie neu erstrahlen ließ. Großer Jubel.<BR></P>

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