Inferno im Sonderzug

- Wer von uns Normalbürgern legt nicht einen Schritt zu, wenn eine Horde grölender Fußballfans um die Ecke kommt? Und schaut man nicht lieber weg bei den Hooligan-Gemetzeln, die uns das Fernsehen als Spiel-Zugabe serviert? Gerade jetzt, wo die WM vor der Tür steht, scheint es opportun, sich geistig auf diesen immer bedrohlicheren Begleitaspekt einzustellen. Jochen Schölch gibt dazu Gelegenheit. Soeben hat er den von ihm und Silvia Stolz bearbeiteten Roman "I Furiosi" (1994) des linksradikalen Neo-Avantgardisten Nanni Balestrini in seinem Metropol-Theater München inszeniert.

Drogenexzesse, demolierte Sonderzüge, zerlegte Bars, Busse, Schiffseinrichtungen und blutige Prügeleien, das ist die brutale Zerstörungs-Spur des AC-Mailand-Fanclubs Rot-schwarze Brigaden auf seinen Fahrten von Stadion zu Stadion. Der sprachkritische Balestrini hat sie in einem poetischen Überhöhungsversuch immerhin in zwölf Gesänge gefasst (Dantes "Inferno" heute . . .). Trotzdem bleibt es eine Gewaltmonotonie ohne Ende. Nach zehn Minuten hat man, ehrlich gesagt, genug. Wenn man dennoch allmählich hineingezogen wird, verdankt sich das Schölchs Geschick der szenischen Belebung.

Auf einem gestuften, am Ende sich spektakulär drehenden Halbrundpodest mit authentischem Absperrgitter lässt er die "Fans" die Schlachtengesänge anstimmen, die AC-Milan-Schals und die erbeuteten Trophäen schwenken. In Gladiatoren-Hochgefühl wird choreographisch gestampft, gefightet und getrommelt. Da kommen die Darsteller, denen man zunächst anmerkt, dass sie an diesem Stück zu beißen haben, allmählich in Form.

Die neun Jungs, darunter Schölchs Studenten der Hochschule für Musik und Theater, kämpfen aber auch wie die Löwen. Und was er 'rüberbringen will, kommt 'rüber: Die Fan-Gemeinschaft als anonyme, aber hierarchisierte Masse gewährt Schutz, fördert das Selbstwertgefühl, enthemmt zur Testosteron-Entladung, in der die Gewalttat sich zur Lust verselbstständigt. Balestrini/ Schölch liefern keine Lösungen, aber weisen auf ein brisantes soziokulturelles Phänomen, neben dem die Kommerzialisierung des Fußballsports fast harmlos erscheint.

Zehnmal bis 25. Mai, Tel: 089/32 19 55 33.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Das Residenztheater bietet der Welt eine Bühne
Die Welt zu Gast bei Freunden: An diesem Wochenende hat „Welt/Bühne“ Premiere im Marstall. Wir sprachen über das internationale Autoren-Projekt mit Sebastian Huber, …
Das Residenztheater bietet der Welt eine Bühne
Kris Kristofferson im Circus Krone: Country und Folk im Punkrockformat
Am Dienstag speilte Kris Kristofferson im nicht ganz ausverkauften Circus-Krone. Statt vieler Ansagen gab es ein ambitioniertes Pensum an Songs. Trotzdem fehlte dem …
Kris Kristofferson im Circus Krone: Country und Folk im Punkrockformat
Weltkino mit rabenschwarzem Humor
158 Produktionen aus 43 Ländern sind beim Münchner Filmfest vom 28. Juni bis 7. Juli zu sehen – der Vorverkauf hat begonnen.
Weltkino mit rabenschwarzem Humor
Peter Konwitschny inszeniert Straus: Mit den Waffen der Operette
Wie andere könnte man sich über die Operette lustig machen. Oder man nimmt den „Tapferen Soldaten“ so ernst wie Peter Konwitschny bei seinem späten Debüt am …
Peter Konwitschny inszeniert Straus: Mit den Waffen der Operette

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.