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Ingo Schulze blickt beim „forum:autoren“ mit seinen Gästen auf die Folgen der Wendezeit.

Schriftsteller kuratiert das „forum:autoren“ beim Literaturfest

Ingo Schulzes Pläne für München

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Ingo Schulze kuratiert im Herbst das „forum:autoren“ beim Münchner Literaturfest. Wir sprachen mit dem Schriftsteller über seine Pläne. 

30 Jahre nach dem Mauerfall will der 1962 in Dresden geborene Autor Ingo Schulze („Adam und Evelyn“) beim „forum:autoren“ des Münchner Literaturfests (13. November bis 1. Dezember) auf die Folgen der Wendezeit blicken. Wir sprachen mit ihm über 1989/90 und seine Pläne für München.

Trafen sich im Literaturhaus zum Interview: Ingo Schulze (li.) und Michael Schleicher. 

Wissen Sie noch, wo Sie waren, als die Mauer fiel?

Ingo Schulze: Die Fixierung auf den Tag des Mauerfalls macht mich immer ein bisschen unglücklich. Es war einer der wenigen Tage, an denen ich früh zu Bett gegangen bin – und als ich aufwachte, war die Mauer weg. Das hat mich einerseits gefreut. Andererseits habe ich gedacht: Verdammt, jetzt fahren alle in den Westen – und keiner kommt mehr zu unseren Demos.

Gehen wir also weg vom 9. November 1989 – was ist Ihnen wichtig mit Blick auf die Wendezeit?

Schulze: Die Eroberung von Möglichkeiten. Natürlich sind die Bilder vom Mauerfall prägend, aber für uns hat sich der eingereiht in eine Abfolge eigentlich unglaublicher Dinge: von unseren Demonstrationen ohne Polizeieinschränkungen bis hin zur großen Demo am 4. November auf dem Berliner Alexanderplatz, die live im DDR-Fernsehen übertragen wurde. Das war alles unvorstellbar für uns. Bei meiner ersten Demo in Leipzig sah ich am 2. Oktober ein kleines Plakat „Visa-frei bis Shanghai“. Es war klar, dass es auch darum geht. Aber dass wir ohne Zensur drucken lassen konnten, was uns beschäftigte, dass wir uns ohne Angst versammeln konnten – das war es, was unglaublich wichtig war. Wir wollten das Land verändern. Der Westen war für mich damals eine Reise-Option, eine Urlaubsmöglichkeit.

Gab es einen Punkt, an dem Ihnen klar war, dass auch der letzte Schritt – der Mauerfall – kommt?

Schulze: Ich war überzeugt, dass der kommen musste. Wir hatten am 4. November eine illegale Demo in Altenburg (Schulze arbeitete damals am Landestheater im thüringischen Altenburg als Dramaturg; Anm. d. Red.). Als meine Freundin und ich danach zuhause den Fernseher anmachten, sahen wir die Riesen-Demo in Berlin. Unsere war noch illegal – und die wurde schon live im DDR-Fernsehen übertragen. Da war klar: Das ist nicht mehr aufzuhalten.

Sie haben 1990 das unabhängige „Altenburger Wochenblatt“ mitbegründet. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie heute gerade in Ostdeutschland bei Demonstrationen den Ruf „Lügenpresse“ hören?

Schulze: Natürlich trifft das. Ich kann es nicht belegen, aber ich denke mir manchmal, wenn ich Pegida-Demonstrationen sehe: Ihr seid doch die, die damals gesagt haben „Wir sind ein Volk“ – und nicht „Wir sind das Volk“. Ihr wolltet doch so schnell die Selbstbestimmung abgeben. Der Osten wird heute oft von jenen als Kampfbegriff genutzt, die den Osten als Erste aufgegeben haben.

Ihr Debüt als Autor war „33 Augenblicke des Glücks“ im Jahr 1995. Wäre der Schriftsteller Ingo Schulze auch in der DDR denkbar gewesen?

Schulze: Mein Problem war, dass ich davor nichts Vorzeigbares geschrieben hatte. Das lag nicht an der Zensur, sondern daran, dass ich nichts Gescheites zustande gebracht hatte. Daher ist diese Frage schwer zu beantworten.

Ist die Wendezeit als literarisches Thema nach wie vor von Interesse?

Schulze: Wo sind denn die Bücher und Filme, die genau diesen Wechsel von Abhängigkeiten und Freiheiten darstellen? Darüber, was es bedeutet, von einer Welt in die andere zu gehen, ist komischerweise noch gar nicht so viel erzählt worden.

„Wie wir wurden, was wir sind“ – gilt das mit Blick auf die Wendezeit?

Schulze: Mich interessiert, was damals für Selbstverständlichkeiten entstanden sind. Das Postulat „So ist die Welt“ hat für mich viel mit 1989/90 zu tun. Im Osten ist das leicht nachzuvollziehen, weil sich alles geändert hat. Im Westen ist das nicht so vordergründig, aber nicht weniger tief greifend.

Um vermeintliche „Selbstverständlichkeiten“ soll sich Ihr „forum:autoren“ drehen.

Schulze: Wir wollen schauen, was 1989 mit uns und der Welt gemacht hat. In der Autobiografie von Nelson Mandela habe ich zum Beispiel gelesen, dass in Südafrika die großen Industrien verstaatlicht werden sollten – das war mit 1989 vom Tisch. Und das ist nur eine Verschiebung, die es gegeben hat. Dass die Globalisierung überhaupt global werden konnte, hängt natürlich mit 1989 zusammen.

„Fragen an die Welt nach 1989“ haben Sie Ihre Reihe im Untertitel genannt ...

Schulze: Die Doppeldeutigkeit des Wortes „nach“ ist wichtig. Ich denke, es gibt literarische, philosophische, essayistische Antworten. Meine Aufgabe ist jetzt, nach Autorinnen und Autoren zu suchen, die bereit sind, sich in diese Richtung befragen zu lassen. Man soll die Literatur nicht als Illustration nehmen. Aber man kann durch Literatur Dinge begreifen. Ich fände es zum Beispiel aufschlussreich, wie jemand aus China die Zeiten ordnet: Wo ist für ihn die Zäsur, die für uns 1989/90 war?

Was ist Ihr Ziel als Kurator?

Schulze: Ich habe die Hoffnung, dass ich nach dem „forum:autoren“ etwas mehr über unsere Zeit weiß. Dafür würde ich gerne etwas weniger Kollegen einladen, als das in der Vergangenheit der Fall war. Aber mit denen, die kommen, will ich etwas mehr machen: ein gemeinsames Nachdenken, bei dem das Publikum nicht passiv bleiben sollte. Das kann gerne schon vor dem Literaturfest losgehen – und muss damit nicht enden.

Ist das der Mehrwert, den ein Literaturfest bieten kann? Lesen ist doch eigentlich ein intimer Akt, zu dem ich nur ein Buch brauche.

Schulze: Ja. Denn es ist schön, anderen beim gemeinsamen Nachdenken zuzuhören und beim gemeinsamen Nachdenken die eigenen Positionen zu reflektieren und womöglich zu revidieren.

Wie lange werden wir noch von Ost und West sprechen?

Schulze: Meine Frage wäre:Wie sprechen wir von Ost und West? Denn Unterschiede sind per se etwas Interessantes.

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