Innehalten im Rhythmus der Zeit

- Unbelastet ist diesmal sicher keiner zu William Forsythes Premiere nach Frankfurt gefahren _ nach der angedrohten Streichung seines Ballettbudgets um 80 Prozent, nach Forsythes Entschluss, 2004 seine Ballettintendanz zu beenden.

<P>Man war entschlossen, Forsythes neuen dreiteiligen Abend im Frankfurter Opernhaus deshalb noch intensiver, gleichsam mit frischem Blick zu sehen _ jetzt, da sicher war, dass man den fortschrittlichsten, spannendsten Choreographen der letzten 25 Jahre verlieren würde. Und konnte gleich im ersten Stück, seinem so dichten poetischen "Hypothetical Stream" von 1997 eine Art Bilanz der Forsythschen Revolution ziehen: Nicht in geordneten, formatierten Auftritten, sondern wie zufällig begeben sich die Tänzer in den völlig schwarzen Raum. Finden sich auch wie zufällig zu Trios, später verstärkt zu Pas de deux - die sich bei diesem Ballett-Erneuerer allerdings eher zu einem gleichberechtigten Miteinander-Ringen emanzipiert haben, zu einem Mann-Frau-Geschicklichkeits-Messen. Da wo die Tänzerin früher vom Partner zur senkrechten Balance gestützt wurde, hängt sie jetzt wegstrebend in gefährlicher Schräglage an seiner Hand.</P><P>Oder umgekehrt. Die Partner ducken sich weg unter einer Kontakt suchenden Hand. Schultern drehen sich ein, ein Hals knickt ab. Armführungen, in denen gerade noch der "klassische Port de bras" zu erahnen ist, brechen, zerbrechen zu tierhaften Bewegungsmustern. Und dennoch gelingt es Forsythe _ und dies ist das künstlerisch nicht fassbare Phänomen _, diese im Grunde hässliche, merkwürdig verkehrte, fast autistisch zu nennende Motorik irgendwie in eine neue Harmonie, wieder in eine Schönheit zu führen. Durch malerische, bildhauerische Posen und Tableaus, ein Innehalten im Rhythmus der Zeit.</P><P>Die Uraufführung mit dem Titel "33/3" ist, wie alle Forsythe-Arbeiten, wieder nur eine kleine Variation seines Grundthemas, sprich seiner unentwegten "Bewegungsrecherche". Nur die Stimmungen ändern sich via Tempo, Musik und Licht. Während "Hypothetical Stream" eher betont lyrisch gehalten ist, manchmal auf eine feierlich mystische Ebene abhebt, gehört "33/3" _ zu einer spaßvogeligen Saxophon-Komposition von Thom Willems _ in die Kategorie von Forsythes hintersinnig witzigen Stücken. Mit jeweils von den Tänzern vorgelesenen dadaistischen Szenen-Überschriften, einer Art intelligenter Sprachblödelei, führt Forsythe die Unsinnigkeit solcher Betitelung (in seiner Arbeitsweise) vor. Das Infragestellen von Gegebenem, von Tradition ist Forsythes ureigenes Metier _ ob Tanz, ob Sprache.</P><P>Das, was es an Tanz in dieser Uraufführung zu sehen gibt, unterscheidet sich kaum vom ersten und auch nicht vom dritten Stück, "Of Any if And", einem Duett von 1995. Bei aller Wertschätzung des großen Choreographen Forsythe, auch er ist ausgenblicklich an einem Punkt angelangt, an dem sich sein Bewegungsstil wohl nicht weiter erneuern kann. Forsythe ist ja bis an extremste Grenzen gegangen. Und von daher ist es vielleicht auch für ihn heilsam, die Bürde der Ballettdirektion demnächst ablegen zu können. Aber es bleibt unschätzbar, was er alles erreicht hat. In seinen frühen Stücken hat er die Neoklassik George Balanchines zeitgenössisch fortgeschrieben. Hat sie dann dem freien Bewegungsduktus der US-Postmoderne angenähert durch Fragmentierung, Sezierung, Zertrümmerung jeglicher traditioneller, aber auch jeder Alltagbewegung.</P><P>Nicht nur aus rein formaler Recherche-Lust, sondern auch als Spiegel einer verunsicherten Gesellschaft im Umbruch. Er hat Sprache, Film und Video in seine Arbeit hineingenommen. Er hat die übliche, gediegen zwischen Solisten und Gruppe gestaffelte Tanz-Dramaturgie zu einem hoch komplexen Fluss von Bewegung umgeformt, in dem der Zuschauer gezwungen wird, seine Sehgewohnheiten neu zu trainieren.</P><P>Forsythe ist schlichtweg anstrengend. Weil er eben nicht mit luxuriöser Ästhetik aufwartet. Seine Tänzer sehen auch diesmal auf der Bühne aus, als ob sie gerade abgearbeitet aus dem Probensaal kämen. Dafür bietet er die Möglichkeit, neu, zumindest anders wahrzunehmen. Multidimensional. Entsprechend unserer technologisch aufgerüsteten Zeit. "Methoden der Wahrnehmung" sind Forsythes aktuelles Interessensgebiet. Und das ist, wie er in seinem Abschiedsbrief formulierte, vielleicht tatsächlich nicht auf Dauer vereinbar mit einem Haus, das auch bedient werden muss. Ab 2004 will er sich in New York mit dem Medium Video beschäftigen.<BR></P>

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