Innerlich brannte er wie eine Fackel

- In die Schlagzeilen zu kommen, hatte ihm nie Mühe bereitet. Und dass es nicht immer seine Kunst war, die Harald Juhnke ins Gerede brachte, konnte seine Popularität nicht schmälern. Im Gegenteil. Es war wie ein Spiel, von dem beide Seiten profitierten. Am Ende seines Lebens, als er es selbst nicht mehr konnte, war es seine Frau, die den Schwerkranken mit einem Buch nochmals in die Schlagzeilen brachte. Doch die Öffentlichkeit nahm ihr übel, was sie ihm stets verziehen hatte - obwohl Juhnke durch seine jahrzehntelange Alkoholsucht für seinen beklagenswerten Zustand selbst verantwortlich war. Doch nun ist das Spiel endgültig aus, gestern starb der Schauspieler und Entertainer im Alter von 75 Jahren in einem Pflegeheim in der Nähe seiner Heimatstadt Berlin. "Mein Mann ist friedlich eingeschlafen", so seine Witwe.

Der Sohn eines Polizisten aus dem Stadtteil Wedding, einziges Kind seiner Eltern, liebte seinen Beruf, war süchtig nach Publikum - und doch sollte es Jahrzehnte dauern, bis er als Schauspieler wirklich ernst genommen wurde. Schon die Umstände seiner "Initiation" waren kurios und sagen viel über die Umwege, die Juhnke stets ging, vielleicht gehen musste, um ans Ziel zu kommen. Ein Freund schleppte den Ex-Hitlerjungen, der sich in der frühen Nachkriegszeit als Schwarzhändler über Wasser hielt, mit großer Mühe in eine Aufführung von Shakespeares "Romeo und Julia". Und um den Widerspenstigen war's jäh geschehen. "Ich brannte innerlich wie eine Fackel", schrieb er später in seinen Memoiren, "aus mir, dem Theatermuffel, war binnen drei Stunden ein Besessener geworden".

Und mochte Juhnke, der eine private Schauspielschule absolvierte, auch wie ein Besessener an seiner Karriere arbeiten, über Achtungserfolge in Boulevardstücken kam er zunächst nicht hinaus. Auch der Film der Fünfziger- bis Siebzigerjahre hielt für den Schlaks mit dem sanft gewellten Schopf überwiegend Rollen in Klamotten wie "Der Frontgockel", "Allotria in Zell am See" oder "Klein Erna auf dem Jungfernstieg" bereit. Im Fernsehen prägten lange seine Engagements in heiteren Serien ("Drei Damen vom Grill", ab 1987) und mäßig anspruchsvollen Sketchreihen ("Ein verrücktes Paar" 1977-80, "Harald und Eddi", ab 1987) sein Image.

Viel mehr Aufsehen erregten zu dieser Zeit noch seine Sauftouren, die ihn so manchen Job kosteten, unter anderem den als Moderator der ZDF-Reihe "Musik ist Trumpf" (1984). Juhnke, der "berühmteste Trinker der Nation", galt aufgrund seiner Eskapaden einerseits immer mehr als unkalkulierbares Risiko für Sender und Theater, andererseits ließ sich ganz Deutschland - einschließlich seiner Arbeitgeber - von seinen öffentlichen Gelöbnissen, nun aber ganz bestimmt nie wieder einen Tropfen Alkohol zu sich zu nehmen, anrühren, sah ihm bereitwillig Affären und Ausraster nach.

Spät, Anfang der Neunzigerjahre, gelang Harald Juhnke, der sich auch als Sänger ("Der deutsche Sinatra") profilieren konnte, doch noch der von ihm stets so ersehnte Sprung "raus aus den Klatschspalten, rein in die Feuilletons". Er brillierte auf den Brettern, die ihm die Welt bedeuteten, in Stücken wie Osbornes "Der Entertainer", Moliè`res "Der Geizige" und Turrinis "Alpenglühen", trat als Zuckmayers "Hauptmann von Köpenick" mühelos aus dem langen Schatten Heinz Rühmanns.

Auch Film und Fernsehen eröffneten ihm plötzlich ganz neue Chancen. Es begann mit Helmut Dietls "Schtonk" (1992) und setzte sich fort mit Ralf Huettners "Der Papagei" (1993) und Tom Toelles "Der Trinker" (1995) nach dem Roman von Hans Fallada.

Doch dann, auf dem Höhepunkt des späten künstlerischen Erfolgs, forderte die Krankheit ihren Tribut. Nach einem erneuten Absturz bei Dreharbeiten im Juli 2000 - dem ersten nach mehreren Jahren "Trockenheit" - kehrte Juhnke nicht mehr in den Beruf zurück. Im Dezember 2001 gaben Manager und Ehefrau bekannt, dass der an Demenz leidende Star nun in einem Pflegeheim untergebracht sei.

Sich "zu Tode zu saufen" hatte Juhnke, in einer Mischung aus Koketterie und Resignation, stets als Möglichkeit gesehen; stattdessen war eingetreten, wovor er sich nach seinen eigenen Worten immer gefürchtet hatte, "dass diese Sucht zum Schwachsinn führen kann. Du bist verloren, wenn der Kopf nicht mehr mitmacht. Kaputt. Aus. So will ich nicht enden." Ironie des Schicksals, dass ganz am Ende die sehr klein gewordene Welt des Schauspielers wieder in Ordnung war. Besuchern, so wird berichtet, habe Harald Juhnke bis zuletzt voller Stolz und mit glänzenden Augen versichert, es gehe ihm gut und er sei "ausgebucht".

Lesen Sie mehr:

- Die größten Erfolge Harald Juhnkes

- Harald Juhnke, der Alkohol und die Exzesse

- "Das Maß ist voll": Juhnke über Juhnke

- "Er war ein doller Kollege" 

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