Im Innersten

- "Vision einer absoluten Figur." Davon spricht Michael Semff, Direktor der Staatlichen Graphischen Sammlung, wenn er das Schaffen Joannis Avramidis' charakterisieren will. Seit Jahrzehnten kennt er den in Wien lebenden Künstler, 20 Jahre lang entwickelte er für und zum Teil gegen den Perfektionisten eine Monografie. Nun ist sie vollendet (Hirmer Verlag). Neben Semffs Verehrung für den Zeichner und Bildhauer Anlass, eine Ausstellung für die Grafikräume der Münchner Pinakothek der Moderne zu konzipieren. Nicht groß, dennoch soll "die Essenz des Avramidis'schen Werks" sichtbar werden. Und das ist der Schau gelungen.

<P>Der Grieche Avramidis, 1922 im russischen Batum geboren, erlebte immer wieder politische Verfolgung, bis es ihn nach Wien verschlug. Er studierte dort unter anderem bei Fritz Wotruba und fand bereits Ende der 50er-, Anfang der 60er-Jahre Anerkennung. Obwohl sein uvre internationale Gültigkeit besitzt, wurde er nie zum "Star". Wirbel um seine Person war dem Künstler fremd, der nach Semffs Ansicht "die lakonischste und schlackenloseste Form" geschaffen hat.<BR><BR>Wie sehr das plastische Arbeiten aus der Zeichnung erwächst, schildert die Präsentation mit zahlreichen Blättern und einigen exzellent ausgesuchten Skulpturen aus allen Phasen. Neben dem kantigen, konstruktiven Strich "schnüffelt" der zarte, noch nicht selbstgewisse übers Papier auf der Suche nach der Gestalt des Lebens: Mensch, Baum, Landschaft, Tier. Danach wird das mathematisch genaue Zeichnen, die akkurate Konstruktion zum Handwerkszeug, das erst die perfekte Form ermöglicht. Nicht das Außen ist für Avramidis entscheidend, sondern das Innen: die Längsachse, egal, ob von Säule (Antike), ob von Mensch oder Baum. Um sie als Zentrum legt er Kreise, die das Volumen des Körpers angeben. Das Alugerüst der Skulptur wird genau errechnet. All das ist nun zu sehen auf sehr instruktiven Konstruktionszeichnungen, bei großen Entwürfen, die einem die ästhetische Idee nahe bringen, und an den Plastiken selbst, der Wirklichwerdung dieser Idee.<BR><BR>Verblüffend ist bei der Ausstellung, dass schon auf ganz frühen Zeichnungen, die zum Beispiel einen nackten Leib, ein Bein, einen Fuß "erforschen", Kreise in die Gliedmaßen eingeschrieben sind. Sie tasten gewissermaßen die Aus- und Einbuchtungen ab. Spontaneität wird zurückgedrängt zu Gunsten einer klassischen Klarheit der Moderne. Joannis Avramidis versucht, die Antike über die Renaissance bis heute fortzuschreiben.</P><P>Bis 24. April; Tel. 089/ 23 80 53 60; Monografie: 40 Euro.</P>

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