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In einer Mischung aus Hühnerstall und Barockwelt spielen die Innsbrucker Cimarosas Verwechslungskomödie, hier eine Szene mit (v.li.) Loriana Castellano, Klara Ek, Renato Girolami und einem Statisten.

Innsbrucker Festwochen für Alte Musik

"Il matrimonio segreto": Da lachen nur die Hähne

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Die Innsbrucker Festwochen für Alte Musik lassen Cimarosas Oper "Il matrimonio segreto" im barocken Hühnerstall spielen

Entweder hatte er vorher genug gegessen (womöglich auch während der Aufführung) oder gut geschlafen, vielleicht einen belastbaren Hintern, eventuell die Irrsinnshandlung nicht kapiert, oder all dies zusammen traf zu. Zweimal „Il matrimonio segreto“ am Stück, einfach aus Begeisterung angeordnet, das ist eine Sache, die von Österreichs Kaiser Leopold II. bleiben wird – neben nachrangigen Dingen wie dem Abkommen mit Preußen und dem Waffenstillstand mit dem Osmanischen Reich. Domenico Cimarosas „Heimliche Ehe“ qua allerhöchstem Befehl da capo zu geben, das macht zusammengerechnet sieben Stunden ohne Pausen. Vorausgesetzt, man spielt jedes Komma, jede Sechzehntelpause. Was, und das nimmt man aus der Premiere im Innsbrucker Landestheater mit, dem Stück nur bedingt gut tut.

Wer Cimarosas einzigen Welterfolg (bei 70 Opern!) zum Festspielstück adelt, diese Petitesse, die nichts anderes will als unterhalten, und dies alles noch zum 40. Geburtstag der Festwochen für Alte Musik, der muss sich Extravagantes einfallen lassen. Alessandro De Marchi, künstlerischer Leiter, argumentiert mit Historischem. Es erklingt also die komplette, sonst so nie zu hörende Partitur, und diese gespielt vom Originalklangensemble der Academia Montis Regalis. Das bringt tatsächlich schöne Ergebnisse. Weil höhere Trennschärfe möglich ist und man über viele Details schmunzelt. Weil das Farbspektrum um Zwischenwerte erweitert wird. Weil auch im Hochtourigen immer alle Zutaten herausgeschmeckt werden können. Und weil, das ist hier entscheidend, keiner auf der Bühne von der Orchesterdynamik bedroht wird.

Alle Solisten, mal abgesehen vom wuchtigen Naturkomiker Renato Girolami als Graf Robinson, pflegen einen natürlichen, unforcierten, aus dem Sprechduktus entwickelten Gesang. De Marchi, dessen freundlich-kollegiale Musizierweise bei Dramatischerem nur Näherungswerte erzielt, dirigiert hier ganz in seinem Element. Delikatesse ist entscheidend, Eleganz ebenfalls. Auf Cimarosas Pointen wird nicht draufgedrückt, sie funkeln auch so. Eine Haltung, die dem Stück ganz ausgezeichnet steht – und von der Bühne auch beantwortet werden muss. Doch hebt sich der Vorhang, befürchtet man das Gegenteil. Als sei Jean-Pierre Ponnelle mit seinen schraffierten Bühnenmärchenmalereien den Toten entstiegen, verpflanzen Renaud Doucet (Regie) und André Barbe (Ausstattung) das Geschehen in eine Tenne. „Ihr führt euch auf wie im Hühnerstall“: Der entnervte Ausruf Geronimos angesichts des Dauergackerns von Töchtern und Schwester ist Programm. Wie kriege ich die Flachreliefs der Figuren in die Dreidimensionale? Wie lasse ich nicht nur die Puppen tanzen, sondern Menschen agieren mit Fleisch, Blut und Großhirn? Die Fragen, durchaus angebracht bei Cimarosa als Scharnier zwischen Rossini und Mozart, stellt sich das Duo gar nicht. Geronimo und reicher Muster-Schwiegersohn Robinson stolzieren als grell aufgeputzte Gockel mit mächtigen Hendlbrüsten einher. Man trägt eine Kleidungsmixtur aus Barockem und Tierischem, die Reifröcke der Damen werden heckseitig zum Riesenbürzel verlängert.

Wenn das Adrenalin steigt, kratzen kurz die Füße oder ruckeln die Köpfe. Wobei: Doucet/ Barbe hüten sich davor, die Verhaltensmuster des Federviehs durchzubuchstabieren oder ihre Figuren zu überdrehen. Ein paar kurze tierische „Entgleisungen“ garantieren Lacher, auch die zweckfreien Übungen stummer Akrobaten, ansonsten ist man irgendwann in einer – obgleich ungewöhnlich verkleideten – Normalaufführung gelandet. Doch der dezent aufgetragene Humor, die besonderen Kostüme, all das trägt den Abend irgendwann nicht mehr. Manch einer in Parkett und Rängen schaut verstohlen auf die Uhr und malt sich im Geiste die ein oder andere Kürzung aus.

Alessandro De Marchis Zurückhaltung kommt den Solisten zugute. Jesús Álvarez (Paolino) muss seinen feinen Tenor nur einmal kurz überreizen, Klara Ek gestaltet die Elisetta mit Aristokratie und kühler Verzierungseleganz, Loriana Castellano, für die verletzte Vesselina Kasarova als Fidalma eingesprungen, dosiert ihr Temperament klug, ebenso Giulia Semenzato als quecksilbrige Carolina. Renato Girolami spielt als Robinson lustvoll seine vokale und darstellerische Präsenz aus, Donato Di Stefano (Geronimo) bietet eine Musterleistung auf seiner Gratwanderung zwischen Schöngesang und buffonesker Würze. Es scheint also, also hätten die Innsbrucker Festwochen – nach manch lauer Produktion, finanziellen Schwierigkeiten und De-facto-Fusion mit dem Tiroler Landestheater – einigermaßen Tritt gefasst. Demnächst schaut sogar De Marchis Vorgänger René Jacobs an seiner alten Wirkungsstätte vorbei. Ein Gruß aus seligen, unwiederbringlichen Zeiten.

 

Informationen: Die Festwochen dauern bis zum 27. August, neben vielen Konzerten gibt es noch Cestis Oper „Le nozze in sogno“ im Innenhof der theologischen Fakultät sowie ein Gastspiel des früheren Chefs René Jacobs, der Glucks „Alceste“ konzertant dirigiert; www.altemusik.at.

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