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Als eine Art Fremdenlegions-Comic inszeniert Jürgen Flimm Mercadantes vergessene Oper.

Premierenkritik

„Didone abbandonata“ in Innsbruck: Helden mit Hormonstau

  • Markus Thiel
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Mercadantes „Didone abbandonata“ ist durchs Raster gerutscht. Sehr zu Unrecht, wie die Innsbrucker Festwochen zeigen - trotz einer fragwürdigen Regie.

Innsbruck - Koffer gepackt, Ticket gelöst, im Hirn Abschied genommen vom Ursprungsort, innerlich schon eingestellt aufs Neue, und dann hakt es mit der Abfahrt. Ein Albtraum muss das nicht sein. Man kann sich wunderbar die Zeit vertreiben mit aberwitzigsten Arien, mit einem fröhlichen Nichts. Gioachino Rossini hat das in seiner „Il viaggio a Reims“ zu prallvoller Inhaltsleere inspiriert. Schwieriger wird es, wenn am Wartezustand die Hormone schuld sind, vergebliche Liebe den Showstopper auslöst und alles in tödlichen Ernst kippt.

„Didone abbandonata“ ist gewissermaßen das Schwesterwerk eines Bruderkomponisten. Giuseppe Saverio Mercadante (1795-1870) führt in zweieinhalb Opernstunden vor, was passiert, wenn der antike Held Aeneas eigentlich nach Italien aufbrechen will und von Karthagos Königin, der geliebten Dido, nicht lassen mag. Den Zweiakter kennt heute kaum einer mehr, nach der Uraufführung 1823 in Turin rutschte er durchs Raster. Vollkommen unberechtigt, wie im Innsbrucker Landestheater zu erleben ist. Die dortigen Festwochen der Alten Musik haben dafür den Zeitraum ihrer titelgebenden Programmatik etwas ausgedehnt. Nicht mehr nur die Vorklassik interessiert heuer, sondern der Belcanto, die neapolitanische Schule.

Dabei war der Text, als ihn sich Mercadante vornahm, ein alter Hut. Librettopapst Metastasio hatte schon hundert Jahre zuvor die Geschichte um Dido, Aeneas, den eifersüchtigen Maurenfürsten Jarbas und diverse politische, vor allem erotisch motivierte Kompliziertheiten verfasst. Über 60 Vertonungen listet seither die Musikgeschichte von Porpora über Hasse, Jommelli, Piccini bis 2004 Michael Hirsch fürs sächsische Hellerau.

Effektvolles, anspruchsvolles Vokalfutter

Mercadantes zeitliche Nähe zum Vorbild Rossini merkt man dieser „Didone“-Variante an. Die Ouvertüre und die 14 Nummern funktionieren nach Belcanto-Schema-F. Das ist nichts Schlimmes, weil Mercadante dieses Raster mit effektvollem, sehr anspruchsvollem Vokalfutter füllt. Der stärkere Farbauftrag, die Energiezunahme, der häufige Einsatz des (Männer-)Chores, auch die avancierte Bläserbehandlung, all das unterscheidet ihn von Rossini. Es scheint, als schreibe Mercadante ständig Final-Arien, nur um nochmals kurz Luft zu holen für die nächste emotionale Ausnahmesituation seiner Figuren.

Dirigenten könnten das noch weitertreiben. Alessandro De Marchi, Intendant der Festwochen, ist eher jemand, der die Schätze dieser Partitur als sorgsamer Sachwalter ausbreitet. Nichts wird mit der Academia Montis Regalis überhitzt, alles ist balanciert, penibel strukturiert, ein auch musikwissenschaftlich motivierter, schlüssiger Dienst an einer neu-alten Partitur. Und dass Mercadante den Orchestersolisten einiges abverlangt, hört man ebenfalls – vor allem in einer Hornmelodie, mit der Bellinis Kantilenen-Seligkeit vorweggenommen wird.

Dass die Festwochen für diese Premiere einen Regie-Haudegen buchten, ist ein Problem. Alessandro De Marchi hat schon einige Male in Berlin dirigiert, die Verpflichtung von Jürgen Flimm, Ex-Intendant der dortigen Staatsoper, riecht nach Deal. Mit Bühnenbildnerin Magdalena Gut und Kristina Bell (Kostüme) wird Fremdenlegions-Comic gespielt. Flimm inszeniert über weite Strecken, als habe er nicht „Didone abbandonata“ im Visier, sondern versehentlich Rossinis „Viaggio a Reims“. Sandfarben gewandete Kämpfer, hier die Herren des Coro Maghini, marschieren im Takt (auch durchs Parkett). Didos Karthago und damit das Wartezimmer von Aeneas ist ein unfertiger Betonklotz auf einer Drehbühne, das Bedienen eines Betonmischers und das Stapeln von Glasbausteinen fällt eher in die Kategorie sinnfreie Aktion.

Jürgen Flimm gibt den abgebrühten Regie-Mann

Flimm ist ein versierter Figurenbediener. Manch einer, der gerade nicht dran ist, wird als stummer Kommentar hinzuinszeniert. Nicht unbedingt zwingend ist das, eher die Handgelenksübung eines abgebrühten Regie-Mannes. Gegen Ende dreht Maurenherrscher Jarba durch in den tänzelnden, mordlüsternen Irrsinn – Carlo Vincenzo Allemano spielt das lustvoll aus, seine herbstliche, kraftvoll-flexible Tenorstimme, durch die ein grauer Klanghauch weht, passt dazu. Für die Titelrolle schrieb Mercadante eine Zwitterpartie aus Verzierungsdiva und frühdramatischer Heroine. Die litauische Sopranistin Viktorija Miškūnaitė nähert sich dieser Aufgabe imponierend und risikolustig. Das Darmsaiten-Timbre, der herbe, manchmal luftige Klang lassen aufhorchen, auch, dass sie gegen Ende etwas matt intoniert.

Ohnehin wird der Stücktitel in Frage gestellt durch Katrin Wundsam. Schon Mercadante dachte sich den Aeneas für eine Mezzosopranistin. Wie versiert Katrin Wundsam die weit gespreizte Partie gestaltet, wie schlank im Ton und kontrolliert im Registerausgleich, wie frei in der Höhe und sicher in den Verzierungen, das ist große Belcanto-Kunst. Im kommenden Jahr dürfte diese Sängerin indes kaum gefragt sein. Die Festwochen zeigen als Hauptpremiere „Merope“ des Farinelli-Bruders Riccardo Broschi – gleich vier Countertenöre müssen dafür aufgefahren werden.

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