Auch eine Hitler-Rede bearbeiteten Emanuel (li.) und Benjamin Heisenberg sowie Elisophie Eulenburg in einem Teil ihrer Bild-Wort-Skulpturen, die um das NS-Dokumentationszentrum in die Erde eingelassen sind.

Anrührend, witzig und weise

Film-Installation am NS-Dokumentationszentrum München vorgestellt

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München - Benjamin und Emanuel Heisenberg sowie Elisophie Eulenburg stellten ihre Film-Installation „Brienner 45“ vor.

Das NS-Dokumentationszentrum, der Münchner „Lern- und Erinnerungsort zur Geschichte des Nationalsozialismus“, geht seiner Vollendung entgegen. Gerade wurde auf dem Vorplatz die Stele aufgestellt, die die „Täterbauten“ rund um den Königsplatz erläutert: also die teils komplett, teils als Ruinen erhaltenen, teils völlig verschwundenen Zeugen der Nazi-Ideologie. Das Zentrum selbst steht auf dem Grund des getilgten sogenannten Braunen Hauses. Am 30. April wird das nun mehr weiße Haus mit einem Festakt eröffnet. Ab 1. Mai ist es für drei Monate bei freiem Eintritt zugänglich, danach regulär (fünf Euro).

Auch ein weiteres skulpturales Objekt wurde bereits installiert. Es informiert ebenfalls, ist aber vor allem ein herausragendes Kunstwerk. Wie halb versunkene Steine liegen mehrere Monitorkästen, zu unterschiedlichen Gruppen geformt, im Erdreich um das Würfelgebäude. Sicher, man ist an Ausgrabungsstätten erinnert oder an alte jüdische Friedhöfe. Die Installation „Brienner 45“ (bezogen auf die Hausnummer) vermeidet freilich jegliches Nostalgie-Flair. Die Filme, die auf den Bildschirmen laufen, greifen in die Vergangenheit, zeigen auf, machen bewusst – und ziehen genau das in unser Jetzt, spinnen obendrein ein globales Netz. Sinnlich, elegant niemanden bevormundend, bisweilen witzig, auch schockierend sagt diese Film-Skulptur, was auch das NS-Dokumentationszentrum mit seiner Ausstellung aussagen will: Die NS-Historie betrifft uns nicht nur, sondern ihre Grundstrukturen (Denk- und Verhaltensmuster) wirken heute noch genauso – und auf der ganzen Welt.

Die Brüder Heisenberg, Benjamin (Künstler und Filmemacher) und Emanuel (Unternehmer und Historiker), hatten in Zusammenarbeit mit Elisophie Eulenburg (Künstlerin) 2012 den Kunst-am-Bau-Wettbewerb gewonnen, wie Münchens Kulturreferent Hans-Georg Küppers gestern bei der Pressepräsentation des Werks berichtete. Er ist genauso wie Gründungsdirektor Winfried Nerdinger („kongeniales Pendant“) begeistert vom ersten „Auftritt“ der Filme.

Wer an die „Blöcke“ (robuste Spezialanfertigungen) herantritt, wird nicht mit der üblichen Filmform konfrontiert, sondern mit einer Abfolge von Worten und Bildern. Ihre Kombination macht gleich stutzig. Auf der Skulptur am westlichen Rand des Vorplatzes steht zum Beispiel neben „wir“ ein Foto einer Familie mit Judensternen, neben „man“ der wulstige Oberkörper eines Bodybuilders oder neben „ausbrechen“ ein explodierender Vulkan. Nach und nach wird klar, dass die Worte Sätze bilden. Hier der letzte Brief des 14-jährigen Chaijm an seine Eltern, den er in den Stacheldraht des Lagers Pustkow stecken konnte. Die Künstler haben zehn solche „Schlüsseltexte“ von Tätern und Opfern mit 2200 Bildern zu Filmen von drei bis zehn Minuten Länge komponiert. Eine Arbeit läuft fünfmal hintereinander, damit jeder Betrachter Zeit zur Entschlüsselung hat. Benjamin Heisenberg ist dabei wichtig, dass „das fast wie ein Spiel ist. Wir wollten einen Punkt setzen, der funktioniert, auch wenn ich nur als Passant hier vorbeilaufe.“ Die „Irritationen“, die die oft seltsamen Zusammenstellungen auslösen, sind die Haken, an denen Besucher hängen bleiben. „Wir wollten die gängige Erzählweise von Dokumentarfilmen auf alle Fälle vermeiden“, erklärt Emanuel Heisenberg dazu.

Das ist das Befreiende an einem Kunstwerk, dass es Angebote macht, nie etwas erzwingt. So werden bei „Brienner 45“ manche ein anrührendes Assoziationserlebnis haben, manche jedem Rätsel auf den Grund gehen, einige nur den Kopf schütteln – und viele über den Humor, den Einfallsreichtum, die hinterkünftigen Argumentationsstrategien und weisen Subtexte staunen. Das wird ab dem 1. Mai 24 Stunden am Tag möglich sein.

Simone Dattenberger

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