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Alois Linder in seiner Nußdorfer Orgelbau-Werkstatt.

Serie

Instrumentenbauer: Wunderwerk mit Seele

Auch Instrumente müssen zum Kundendienst, überholt und nachjustiert werden. Aber was passiert beim Instrumentenbauer? Wir haben die Handwerker im Dienste der Musik besucht und stellen sie in loser Folge vor. Heute: Alois Linder, Orgelbaumeister aus Nußdorf am Inn.

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Ihr Klang adelt sie zur Königin der Instrumente. Oft thront sie majestätisch auf hohen Emporen und imponiert durch ihre prächtige Gestalt. Ihr Bau ist eine Wissenschaft für sich: die Orgel. Wenn an Lichtmess 2010, also am 2. Februar, in der schmucken Flintsbacher Rokokokirche St. Martin (Landkreis Rosenheim) die neue Orgel erstmals erklingt und eingeweiht wird, dann haben Orgelbauer Alois Linder und seine fünf Mitstreiter ihr Werk vollendet.

In Nußdorf am Inn haben sie etwa ein Jahr lang an der neuen Orgel gearbeitet. Ungefähr 6500 Arbeitsstunden verschlang das Werk, das inklusive Material rund 350 000 Euro kostet. „Wenn man das hochrechnet, kommt ein normaler Schreinerlohn heraus“, sagt Alois Linder, den manche frühere Kollegen heute um den ideellen Gewinn seines Handwerksberufes beneiden. Wenn der 49-Jährige den komplizierten Bau einer Orgel erläutert, verrät der Glanz in seinen Augen, wie viel Erfüllung ihm seine Handwerkskunst schenkt.

Der gebürtige Nußdorfer wollte schon immer Instrumentenbauer werden, aber da er keine Lehrstelle fand, studierte er zunächst in Rosenheim Holztechnik. Als 23-jähriger Ingenieur gab er seinen Job auf zugunsten einer Lehrstelle bei einem Orgelbauer und absolvierte eine dreieinhalbjährige Lehre. „Das verstanden damals viele nicht“, erinnert sich Linder, der es schätzt, dass in seinem Beruf vieles zusammenfließt: handwerkliche Fertigkeit, künstlerische Gestaltung, musikalische Eignung und religiöse Prägung – „schließlich verbringen wir Orgelbauer das halbe Jahr in der Kirche…“

Die Kenntnisse des Holzingenieurs kommen Linder auch als Instrumentenbauer zugute. In seinem stattlichen Holzlager trocknen die Eiche aus dem Spessart und die im Winter bei bestimmtem Mondstand geschlagene, „feinjährige“ Bergfichte. „Wenn man mit der Hand hobelt, spürt man die Qualität.“ Der Orgelspieltisch, an dem der Organist in die Manuale greift und die Pedale tritt, wird aus Eiche gebaut. Auch alles, was technisch ist – Umlenkungen und Windladen – besteht aus Eiche, die der Holzwurm verschont. Die Fichte verwendet man vor allem für die Holzpfeifen und für die großen Basspfeifen.

Auch die Rahmen- und Faltenbretter des Blasebalgs, für dessen Beweglichkeit feines Schafleder und Ziegen-Pergament sorgen, sind aus Fichte. Aus Buchsbaum, Eibe oder Zwetschgenholz fertigt der Orgelbauer die Tastenbeläge. Für alles, was federn muss, nimmt er Esche, und für die kleinen Winkel im rein mechanisch funktionierenden Instrument greift er zur Weißbuche. „Weil ihr Holz sehr stabil gewachsen ist.“ Auch die feinsten Holzteile in der Orgel – bewegliche Winkel, Züge, Tasten – und sogar die Ebenholz-Knöpfe der Registerzüge werden in der Firma Linder angefertigt. Selbstverständlich auch die hölzernen Pfeifen. Die Metallpfeifen baut ein Spezialbetrieb nach den Maßen – der Mensur – des Orgelbauers.

Der erstellt schließlich einen genau auf die Architektur und die Akustik des jeweiligen Kirchenraumes abgestimmten Plan, bestimmt die Legierung (Zinn und Blei), die Größe der Pfeifen, die als Register in einer Reihe stehen. Ganz vorne am Orgelprospekt machen die riesigen Prinzipalpfeifen (aus Metall), die bis zu 2,40 Meter hoch sind, Eindruck. Dahinter stehen gestaffelt die niedrigeren in den oft kunstvoll mit vergoldeten Schnitzereien geschmückten Orgelgehäusen.

23 Register können bei der Flintsbacher Orgel gezogen werden. 17 davon mit je 56 Tönen werden über die Manuale gespielt, sechs mit je 30 Tönen über die Fußpedale. Stolze 1226 Pfeifen sorgen für üppigen Klang. Dabei kann die Orgel tönen wie Flöten, wie Oboen oder wie Streichinstrumente. „Meist werden die Register gemischt“, sagt Linder und dann strahlt die Orgel wie ein ganzes Orchester.

Damit das gelingt, muss der Organist einen diffizilen mechanischen Ablauf in Bewegung setzen. Der Wind (die Luft) aus den früher per Hand „gemolkenen“, heute per Motor gepumpten Blasebälgen gelangt über Windkanäle in die Windlade und wird dort verteilt. Über die Manual- oder Pedal-Tasten werden Ventile geöffnet, so dass der Wind in die Kanzellen (für jeden Ton eine) strömen kann. Wenn dann ein oder mehrere Register gezogen sind, strömt der Wind in die Pfeifen: Die Töne erklingen.

„Der Klang ist die Seele des Instruments“, strahlt Michael Gartner, Linders Orgelbau-Kollege, der als Organist von der musikalischen Seite kommt. Für das Nußdorfer Team ist es dann ein großer Augenblick, wenn aus dem feinmechanischen Wunderwerk ein Musikinstrument wird, wenn der Orgelklang die Kirche erfüllt. Und die Herzen.

von Gabriele Luster

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