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Effekthascherei: In einer kurzen Szene lenken insgesamt drei wohlgenährte Schweine die Aufmerksamkeit der Zuschauer in den Kammerspielen vom Schicksal des verrückt gewordenen Lear (André Jung) ab, der nicht mehr am Hof leben darf, sondern auf dem rauen Land hausen muss.

Ein König ohne Fallhöhe

Shakespeares „Lear“: Premierenkritik

München - Intendant Johan Simons inszenierte zum 100-jährigen Bestehen der Münchner Kammerspiele Shakespeares „Lear“. Die Premierenkritik:

Shakespeare hat mit München kein Glück, seit Dieter Dorn hier nicht mehr seine Stücke inszeniert. Ob Staatsschauspiel, ob die städtischen Kammerspiele, der beste Dramatiker, der beste Menschenversteher aller Zeiten wird nicht angemessen gewürdigt. Das Welttheater bleibt aus.

Jetzt unternahm der Intendant der Kammerspiele, Johan Simons, einen Versuch. Am Samstagabend hatte „König Lear“ in der Übersetzung von Frank Günther Premiere (inklusive Pause knapp vier Stunden). Ohnehin ein kühnes Unterfangen, ist es noch kühner, weil Dorn am gleichen Ort 1992 einen atemberaubenden „Lear“ mit Rolf Boysen in der Titelrolle geschaffen hatte (die Aufführungen liefen bis Ende 1999). Dorn beschäftigt sich nun mit einem anderen Welttheater, Richard Wagners Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“. Dessen Auftakt, „Rheingold“, hatte auch am Samstag Premiere – in Genf. Die Kammerspiele feiern ihren Hundertsten, und da schien dem Leitungsteam ein frischer „Lear“ wünschenswert. Man konnte ja davon ausgehen, dass nicht mehr allzu viele den grandiosen König von einst noch im Kopf haben.

Grandios will es Simons auf keinen Fall, das wird auf den ersten Blick deutlich. Schon der weiß-rot gestreifte Stoff von Zirkuszelten für den Vorhang mit der Aufschrift „Look there“ signalisiert, dass man mehr Jahrmarktszauber will als die mächtige Tragödie. Und Lear wird nicht als machtvoller Herrscher eingeführt, sondern auf seiner kleinen, mit Rasen ausgelegten Manege (Bühne: Bert Neumann) als Mischung aus Zirkusdirektor und Möchtegern-Kosak (Kostüme: Nina von Mechow). Dieses bisschen Gras will er nun unter seinen drei Töchtern aufteilen. Hauptsache, sie faseln hübsch von ihrer Liebe zu Papa.

Die Handlung

König Lear will abdanken und sein Reich unter den Töchtern aufteilen. Er fordert Liebesbezeugungen. Die beiden älteren raspeln Süßholz, die jüngste Tochter, Cordelia, bleibt stumm. Ihre Liebe ist echt. Der verblendete Lear verstößt sie. Seinen standesgemäßen Lebenswandel wollen die neuen Königinnen bald nicht mehr

akzeptieren. Er wird heimatlos und wahnsinnig. Der treue Gefolgsmann Gloucester wird sogar geblendet. Im Herzen ist er ebenfalls verblendet, denn auch er lässt sich aufhetzen – von seinem bösen Sohn gegen den guten. Die Ausgestoßenen treffen sich schutzlos in der

Natur. Cordelia, jetzt Königin von Frankreich, versucht, Lear zu retten, wird aber gefangen genommen. Das finale Morden beginnt.

Diese allzu leicht gezimmerte Grundkonstellation vermag den schweren Aufbau des Shakespeare’schen „Lear“ nicht zu tragen. Niemand kann so begreifen, dass da ein wirklich Mächtiger etwas Ungeheuerliches riskiert – vergleichbar mit einem Papstrücktritt, aber mit viel mehr Gefahrenpotenzial. Und niemand kann begreifen, dass ein Vater auf so schlecht gelogenes Geschwafel hereinfällt, wie es Annette Paulmann als Goneril und Sylvana Krappatsch als Regan daherplappern müssen. Marie Jungs Cordelia ihrerseits kann in der Mini-Szene auch nicht ansatzweise die wahrhaft liebende und unbeirrt ihren Weg gehende Ausnahme-Tochter beglaubigen. Die Inszenierung gibt den Frauen von Anfang an keine Chance, nuancierte Persönlichkeiten zu formen. Krappatsch schludert wohl deswegen ihre Rolle nur so hin; Paulmann bemüht sich ab und zu um Akzente.

Durch diese Ausgangslage hat es sich die Regie unmöglich gemacht, Lears Fallhöhe überzeugend zu schildern. Also wird vor allem herumgeschrien. Der König, den Simons so klein hält, dass keiner versteht, warum er noch auf einen Hofstaat pocht, ist bloß ein kreischender Alter. Anstrengend und seltsam spannungslos ziehen sich die Szenen hin, bis der Machtlose seine Lage erkennt – und sich in das Dasein des Ausgestoßenen geradezu hineinwirft. Ein tolles Schauspielerfutter, das André Jung aber nur mühselig kaut. Simons war ihm anscheinend keine Hilfe. Ebenso wenig wie für Peter Brombachers Gloucester, der die erschütternde Parallelfigur zu Lear darstellt. Nun ist er zu einer schüchternen Nebenrolle geworden, ein unfassbares Versagen der Inszenierung. Fast genauso schlimm hat es den Narren erwischt, eigentlich ebenfalls eine Shakespeare-Glanznummer. Thomas Schmauser zappelt sich, sichtlich unwohl, damit ab. Er, der Doppelbödiges liebt, bleibt flach wie der Edgar Kristof Van Bovens. Auch ihn kennt man als „besonderen“ Schauspieler; für den verstoßenen guten Gloucester-Sohn, der, um sich zu retten, den irrsinnigen Bettler mimt, kommt davon nichts zum Einsatz. Die Herzensgüte im Antlitz ahnt man eher als man sie sieht, weil ihm die Haare ständig ins Gesicht hängen (sollen?).

Die Besetzung

Regie: Johan Simons.

Bühne: Bert Neumann.

Kostüme: Nina von Mechow.

Darsteller: André Jung (Lear), Oliver Mallison (König von Frankreich, Herzog von Albany), Lasse Myhr (Herzog von

Cornwall, Oswald), Wolfgang

Pregler (Graf von Kent), Peter Brombacher (Graf von Gloucester), Kristof Van Boven (Edgar), Stefan Hunstein (Edmund),

Thomas Schmauser (Narr),

Annette Paulmann (Goneril), Sylvana Krappatsch (Regan), Marie Jung (Cordelia).

Da erinnert sich der altgediente Schauspielhaus-Besucher an den Dorn’schen Edgar, der seine ganze Seelennot in den Körperausdruck zwang: Stefan Hunstein. Jetzt darf er den bösen Bruder Edmund spielen und tut dies mit diebischem Vergnügen: eine Shakespearefigur auf Monty-Python-Art. Sehr unterhaltsam. Einen richtigen Menschen gestaltet Wolfgang Pregler in dem feinen Kent, ebenso Oliver Mallison (Albany), während Lasse Myhr (Cornwall) traurig chargiert. Diesen Notbehelf streift André Jung zum Ende der Aufführung ab. Ihm gelingen dann die Weisheit eines wirren Menschen und der ewige Notschrei eines Vaters, der sein totes Kind im Arm hält.

Heftiger Applaus für die Schauspieler, einige Buhs für die Regie.

Simone Dattenberger

Nächste Aufführungen am 13., 23. und 31. März; Telefon 089/ 233 966 00.

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