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Ein New Yorker Diner in den Sechzigern – für Miroslav  Sasek und seine europäischen Leser eine völlig fremde Welt.

Zum 100. Geburtstag von Miroslav Sasek

Kinder-Stadtführer: Liebeserklärung an die Welt

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Die Internationale Jugendbibliothek München feiert den Illustrator Miroslav Sasek zum 100. Geburtstag. Er schrieb die ersten Städteführer für Kinder.

Er kam mit Schiebermütze und ging mit Trachtenhut. Miroslav Sa˘sek besuchte Städte ja nicht einfach. Er saugte sie in sich auf, ließ sich mitreißen von der besonderen Energie, die die eine Metropole von der anderen unterscheidet. Um dann die vielen Eindrücke mitzunehmen und sie den Lesern daheim zu präsentieren.

So viel Klischee darf sein: Der Wahl-Münchner ˘Sa˘sek bildete stets auch Traditionen der Städte ab.

Sa˘sek, am 16. November 1916 in Prag geboren, wäre heute 100 Jahre alt geworden. Die Internationale Jugendbibliothek (IJB) auf Schloss Blutenburg feiert das mit einer Ausstellung; der Kunstmann Verlag würdigt ihn mit dem Band „Rund um die Welt“ (248 Seiten, 38 Euro), der ausgewählte Seiten seiner Städte- und Länderbücher versammelt. Ob man durch die IJB streift oder in dem neuen Sammelband blättert (am besten beides): Sofort ist man erfüllt von Nostalgie angesichts der bezaubernden Arbeiten eines Mannes, der Reisen, Architektur und Humor liebte – und das alles auf unnachahmliche Weise miteinander verband.

Jeder Band beginnt auf dieselbe Weise: ein Selbstporträt des Illustrators, Zeichenbuch unterm Arm, auf dem Weg in eine Stadt. New York zum Beispiel: Der Mini-Sa˘sek legt den Kopf tief in den Nacken und kann sie doch nicht sehen, die Enden der unendlich scheinenden Wolkenkratzer. Danach folgt ein Panoramabild, auf dem das Charakteristische der Stadt herausragt. Markusplatz, Big Ben – Wahrzeichen, wie sie jeder Führer zeigt. Da enden schon die Parallelen. Denn Sa˘sek hat einen besonderen Anspruch: Er will, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, das Positive in die Kinderzimmer bringen. Zeigen, wie schön, wie bunt, wie spannend die Welt ist. Dem Zeitgeist entsprechend: In der Stunde Null glaubt man, dass Friede mit einem Neuanfang möglich ist, der bei der Erziehung der Kleinen beginnt.

Von München aus zieht er in die Welt

Zu dieser Zeit hat er bereits Architektur und Grafikdesign studiert. 1939 reist er durch Europa, arbeitet als Kofferträger in Luxuszügen. Es folgt die Idee der Städteführer. Doch in seiner tschechoslowakischen Heimat kommen die Kommunisten an die Macht, sein Verlag wird geschlossen. Er geht nach München, arbeitet für Radio Free Europe. Es ist die Zeit des politischen Sa˘sek: Er zeichnet etwa satirische Flugblätter, die über der Tschechoslowakei abgeworfen werden.

Irrsinnige Schaffenszeit: 17 Bücher in sechs Jahren

1957 dann die Lebenskrise: Trennung von seiner Frau, Umzug nach Paris. In seiner Trauer fällt ihm die alte Idee wieder ein. Er schreibt sich an der Kunstakademie ein und schon ein Jahr später erscheint „This is Paris“ – sein Durchbruch. Über Nacht wird er zum Erfolgsautor. In einer irrsinnigen Schaffenszeit von sechs Jahren veröffentlicht er 17 Bücher. Je mit etwa 100 Zeichnungen, versehen mit augenzwinkernden, gleichzeitig informativen Texten. Genau das ist der Charme dieser Liebeserklärungen an die Welt: Indem er humorig abbildet, wie die Menschen leben, Stereotype aufdeckt, ohne sich darüber lustig zu machen, bildet er die Leser. Das Bild eines amerikanischen Diners etwa: Man kann sich vorstellen, wie exotisch es für Kinder (und Eltern) im Deutschland der Sechzigerjahre wirken muss, dass da Menschen am Tresen essen, wo andere einkaufen.

Recherche im Cable Car: Miroslav Sasek wurde auch von San Francisco eingeladen, die Stadt zu porträtieren.

Sa˘sek lebt zu dieser Zeit mit seiner zweiten Frau wieder in München. Von dort zieht er auf Einladung der Städte in die Welt. Wenn er genug Material hat, schreibt er das nächste Buch. Mit kindlichem Blick und geprägt von unglaublicher Faszination für das Gesehene. Wenn man heute beispielsweise den „München“-Band anschaut, eröffnet sich eine scheinbar vergangene Welt. Die Tram fährt heute nicht mehr durchs Karlstor, Schaffnerinnen sind verschwunden, die Autos größer, die Straßen voller. Die Atmosphäre aber ist dieselbe. Sa˘sek hat sie für alle Zeiten eingefangen, das Charakteristische der Städte überdauert.

Jedes Buch endet wieder mit einem Selbstporträt. In München verlässt er die Stadt mit Trachtenhut. So viel Klischee darf sein.

Die Ausstellung

ist bis 19. Februar 2017 zu sehen. Mo.-Fr. 10-16 Uhr, Sa./So. 14- 17 Uhr. Telefon: 089 8912110.

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