Dr. Dirk Ippen

Das Ich und das Internet

Markt Schwaben - Bei den „Sonntagsbegegnungen“ in Markt Schwaben haben die Verleger Dirk Ippen und Michael Krüger angeregt über neue und alte Medien diskutiert.

Die „Sonntagsbegegnungen“ steuern auf ein Jubiläum zu. Im Sommer dieses Jahres besteht die Markt Schwabener Institution 20 Jahre - gehegt und gepflegt von dem stets engagierten Bernhard Winter. Derzeit präsentiert er eine Gesprächsreihe zum Thema „Alt werden“. Den Auftakt machten Dieter Hildebrandt und Hans-Jochen Vogel im vergangenen Herbst. Nun am Sonntag trafen sich Dirk Ippen, Verleger unserer Zeitung, und Michael Krüger, Chef des Münchner Hanser Verlags (von Umberto Eco bis Barack Obama und Herta Müller) sowie selbst Erzähler und Lyriker, um über die Themenvariante „Alt werden - Zeitung, Bücher, Poesie“ zu sprechen. Initiator Winter freute sich, dass die über 150 Zuhörer nicht nur von Markt Schwaben und Umkreis gekommen waren, sondern auch von Bad Tölz über München bis Augsburg. Der Bürgersaal in dem reizvollen, renovierten Barockbau, dem ehemaligen Unterbräu gleich bei der Kirche, nahm in der Tat ein ungewöhnlich aufmerksames und, wie sich in den Fragen am Ende der Debatte zeigte, ein wach mitdenkendes und lebenspraktisches Publikum auf.

Winter stellte die Gesprächspartner kurz vor („Gedichte mögen beide“), und Ippen ging sogleich das Thema zweigleisig an. Zum einen, dass Alter heute eine lange, agile Lebensphase bedeuten kann („Wir stehen doch ganz flott hier“); zum anderen, dass sich seit dem eigenen Arbeitsbeginn 1965 ein extremer Technikwandel ereignet habe. Er habe sich als Unternehmer „dem digitalen Zeitalter mit Lust“ gestellt, aber angesichts der aktuellen Ausmaße - Stichwort: Facebook - frage er sich: „Wenn jeder mit jedem kommuniziert, braucht man da noch einen Verleger?“

Genau das ist der Punkt, der Krüger umtreibt. Er brachte mit kräftiger Schwarzmalerei Dynamik in das Gespräch. Die modernen Gesellschaften würden sich durch die neuen Medien „unendlich schnell wandeln“ müssen. Schlimmer noch, die Menschen liefen dem Fortschritt nur noch hinterher, aber „wir gestalten ihn nicht mehr, sind kein Teil davon“. Er sieht das Bild des selbstbestimmten Menschen sich verflüssigen in der Flut von eigentlich überflüssigen Internetinformationen und -teilnahmemöglichkeiten. Die sind ständig, im Augenblick und blitzschnell verfügbar. Wo bleibe da das echte Buch, das langsam entstünde und „eine Weltsekunde festhalten will“? Was sei der Informationssammelwut eines Steve Jobs, der die Menschen komplett erfassen will, entgegenzuhalten?

Michael Krüger

Bei diesem Generalangriff aufs Internet vergaß Dirk Ippen seine Besorgnis und verteidigte die Kommunikationsform: „Ich möchte die Position einnehmen, die die Vorteile unterstreicht. Das Internet hat Hierarchien zerstört, was das Veröffentlichen angeht. Das konnten zum Beispiel früher nur Verleger und Publizisten, jetzt ist ein großer Demokratisierungsprozess im Gang.“ Und er brachte das Beispiel vom Kanarienvogel, der unter Tage die Bergleute vor Gas in der Luft warnte: „Wir Printleute sind die Kanarienvögel des Internetzeitalters“, sagte der Zeitungs- und Buchverleger (Hirmer) schmunzelnd. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Fantasie und Geist untergehen.“ Er pochte darüber hinaus auf die aufklärerische Haltung, Wissen zugänglich zu machen.

Michael Krüger rief seinerseits auf, „die Entwicklung zur Unmündigkeit einzuschränken, zurückzubauen, zu verhindern“. Man müsse überlegen, wie das Internet sinnvoll zu nutzen sei: „Wir überfordern uns permanent.“ Die Mutmacher aus dem Publikum sprangen Ippen bei: Gerade die Verleger und ihre Medien könnten helfen, „Wertvolles von Wertlosem zu unterscheiden“. Eine Mutter betonte pragmatisch, dass die Kinder den Umgang mit dem Internet lernen müssten, bekannte jedoch, Angst vor einer möglichen Internetsucht zu haben. Dem Erziehungsaspekt stimmte Michael Krüger bei („Stärkung des Ichs“) und forderte den Gesetzgeber auf, aktiver zu werden.

Dirk Ippen schlug am Ende des anregenden und anspruchsvollen Gesprächs den Bogen zum Älterwerden - im positiven Sinn. Er genieße es, nun mehr gestalten zu können als in seinen jungen Jahren.

Von Simone Dattenberger

Nächste Sonntagsbegegnung am 11. März, 15 Uhr: die Dominikanerin Benedikta Hintersberger und der Benediktiner Anselm Grün über „Alt werden - im Kloster“; Tel. 08121/ 41 659.

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