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„Die Brechung und Vorführung von Menschen als Schauspiel“: Szene aus der neuen Münchner „Aida“, Premiere ist am kommenden Montag.

Interview mit Nel zur „Aida“-Premiere

Regisseur Christof Nel spricht im Interview mit Münchner Merkur-Redakteur Markus Thiel über „Aida“-Missverständnisse, schunkelnde Sieger und die Arbeit mit Sängern.

In der Opernszene ist er schon längst eine feste Größe. Seltsam also, dass Regisseur Christof Nel erst jetzt an der Bayerischen Staatsoper debütiert – das jedoch gleich mit einem Filetstück des Repertoires: Am kommenden Montag hat seine Inszenierung von Giuseppe Verdis „Aida“ Premiere, Daniele Gatti dirigiert.

-Bregenz hat im Sommer schon Zusatzaufführungen für die dortige neue „Aida“ angesetzt, die Situation um diese Oper in Verona ist bekannt: Wird da ein Stück nicht unglaublich missverstanden?

Für mich gehört in diese Reihe noch: Wenn der FC Bayern ein Tor geschossen hat, wird in der Arena der Triumphmarsch gespielt. Da wird „Aida“ in die Nähe von Riesenspektakeln gerückt. Man muss also darauf achten, dass man über all diese Dinge nicht den Kern, nämlich die menschlichen Konflikte aus den Augen verliert.

-Muss „Aida“ unbedingt in Ägypten spielen?

Es heißt „Ägypten zur Zeit der Pharaonen“. Das wäre genauso, als wenn man sagen würde „Deutschland zur Zeit des Christentums“. Es handelt sich schon um eine historische Ferne. Aber es ist kein präzise zu benennendes Ägypten. Was uns interessiert hat: Alles spielt im permanenten Kriegszustand. Krieg heißt auch, dass die Unterlegenen versklavt werden. Die Liebesgeschichte ist nicht zu lösen von der Tatsache, dass es eine Liebe zwischen Kriegsparteien ist. Aida liebt denjenigen, der ihren Vater umbringen soll.

-Wenn „Aida“ anderswo spielt, hat sie also gar nicht viel mit uns zu tun?

Wenn ich ein Thema habe, das nicht auszuhalten ist, kann ich das vielleicht nur formulieren, wenn ich es wie bei „Alcina“ auf eine Insel versetze oder wie bei „Aida“ nach Ägypten. Weil das Thema einem so nahegeht, ist Distanz zur Bewältigung notwendig. Für diese These spricht, dass Verdi sehr unter dem Krieg gelitten hat. Auch die Machtgier von Religionsführern widerte ihn an.

-Ist Aida überhaupt die Hauptfigur? Oder ist sie nicht nur die Passive, die Reagierende?

In gewisser Weise ist sie Mittelpunkt. Das hängt eben mit dem Triumphmarsch zusammen. Mit dieser Demonstration von Überlegenheit, mit dieser Brechung und Vorführung von Menschen. Amneris befiehlt ihr: Du kuckst dir das als meine Sklavin an. Für uns in der Inszenierung ein zentraler Satz. Man stelle sich vor, jemand sieht seine Brüder, Schwestern, Onkel und Tanten, vor allem den Vater in solch einer Situation. Ein Albtraum. Und trotzdem hält Aida an der Liebe zu dem fest, der alles angerichtet hat. Ihr ist der Grundkonflikt des Stücks in den Leib eingeschrieben.

-Dann verlangt das aber auch nach einer entsprechend brutalen musikalischen Interpretation.

Klar, die Sieger schunkeln. Aber was ist das für ein Schunkeln? Dahinter steckt eine wichtige Frage: die der Ästhetisierung von Gewalt. Gerade wenn man sich mal in den Sieger hineinversetzt, der das Opfern von Gefangenen als ein Schauspiel begreift. Wir versuchen, diese beiden Seiten, das Spektakel und den Albtraum, fürs Publikum erfahrbar zu machen.

-Ist Ihnen Radames eigentlich sympathisch? Ein Karrierist, der sich über die Beförderung zum Kriegstreiber freut?

Grundsätzlich bemühen wir uns immer, die Figuren mit einem kritischen und gleichzeitig mit einem verstehenden Blick zu sehen. Wie kommt er also dazu, nicht nein zu sagen? Wie kommt er dazu, seiner Geliebten zu sagen: Erst kill’ ich die Feinde, auch wenn’s dein Volk ist, aber dann wird’s gut zwischen uns. Absoluter Wahnsinn! Andererseits kann ich das verstehen, dass einer alles, was schwierig ist, wegschiebt und sagt: Das wird schon.

-Macht es Spaß, die Lieblingskinder des Repertoires à la „Aida“ auseinanderzunehmen?

Je scheinbar bekannter ein Stück ist, desto mehr Reibung wird erzeugt, wenn man jedes Teil anschaut und von allen Seiten beleuchtet. Manche im Publikum werden was entdecken, andere erst mal stutzen. Das ist der Sinn von Theater.

-Bei Wagners Opern gibt es eine lange Tradition dieses Auseinandernehmens. Ist es leichter, mit Wagner- als mit Verdi-Sängern zu arbeiten?

Da gibt’s solche und solche. Bestimmt ist die Tradition beim deutschen Regietheater ausgeprägter, dass Sänger sich mit dem Stück auseinandersetzen und daran wachsen. Darum muss man im italienischen Fach mehr werben.

-Und warum hat Barbara Frittoli die Titelrolle zurückgegeben?

Darüber habe ich mich auch gewundert. Wir hatten gute Gespräche. Ich weiß den Grund nicht, es gab keinen Krach. Ich bin jedenfalls total froh, dass wir mit Kristin Lewis eine wunderbare Sängerin gewinnen konnten.

-Sie kommen vom Schauspiel. Ist es mit Sängern leichter als mit Schauspielerin?

Eigentlich geht’s ja immer ums Selbe: Wie mache ich das, was ich tu’, lebendig und persönlich? Die Sänger sind viel stärker eingespannt in ein rhythmisches und vokales Korsett. Da ist jeder Atemzug vorempfunden oder vorgedacht. Schauspieler müssen erst ihre Tonarten, Phrasierungen und Rhythmen finden. Das bietet viele Möglichkeiten, ist aber auch gefährlich, weil man sich darin verlieren kann. Opern inszenieren zwingt zu einer präziseren Bildhaftigkeit, weil man sich zur Musik verhalten muss. Das kann beruhigend sein. Im Schauspiel darf man dagegen was Ungefähres entfalten, das sich erst langsam schärft und nährt. Manchmal weiß man gar nicht mehr, wohin die Reise führt. Damit muss man umgehen können.

-Aber Oper kann doch frustrierend sein. Man entlässt seine Inszenierung ins Repertoire, die mit wechselnden Sängern irgendwie funktionieren muss.

Ja. Ich hatte aber das Glück, dass ich an Häusern wie Stuttgart, Frankfurt oder Düsseldorf arbeitete, wo viel Geld, Kraft und Zeit in den Erhalt und das Wiederbeleben der Produktionen gesteckt wurde.

- Kommen Sie mit genau notierten Anweisungen zur Probe?

Wir entwickeln zu jeder Szene Thesen und einen Regie-Vorschlag. Im Dialog mit den Sängern wird dann gearbeitet. Sie haben Raum für Erfindungen.

-Wird der genutzt? Verändert sich da was bei der jüngeren Generation?

Da wächst was. Es gibt immer mehr Darsteller, da sage ich mir: Boah, wie die sich auf die Sache einlassen!

Interview: Markus Thiel

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